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INHALT.
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ri»rr llriirhvlürkr rinrr lljuwUrhrift mit iiItlhK'bilriiUih«'U («li»ft»«'n. Von Demselben II tjtiollfiinArliwrijM» gu llnpi*« von l.^n};rnf»triu Mjifliiia. Von Kvinbold Köhler. • 15 Kleine MitÜieiliinjr^'n Volt Karl Ilartftoh.
1. llvrr M'iUiolm von Heinienburir. . ... .3«
2. UmM Spiel von den ■iebcn FarU'n . . ... 3^ :i. Meiiiter Irrepinf; 41
4. Zu den Dei^iiielen dei» SlrirK« m 46
5. 01otM»n von V<'>p*l% Thier- und liatnnnAroeu . . .47 it. I)eutiK*lie Hnnilftrhriften in Mii\hini;rn .4^
Zum fnuito^isrhi'U Krcc. Von Adolf |fu9iiafia ... 61
V\Mr v\n Lied llfinrii^li« vnn Morunp>n. V*on Friini (■Mrtner M
Zu Knore. Von I. V. Zin);rrle ... . . 5t»
Piiniher. V"n Deni*«*lben ..... * SÄ
Zum llelijMid. Von (%mrjMl Hof manu . . 59
MaiiireL Von Krmns Pfeiffer . t»|
Zum sweiUni Mrrvebunr^ ZniilMT«|imc|i. Von l(<iiiti«ild Kiihler fiS
Ktn komiNehe« Uece|»l. Von Kr«ug Pfeiffer iü\
Zar M'hw&hifrtien SA4;«>nkiin<l«*. 4. IHe T«MUen von Ln^tnan. Von Liidwijp l* bland K5
Zu Pleiere OarrL lirncbsturke. Von Al«>ts Goldbarher .8!»
Ihn MAie. (}«^irht de« 12. Jahrhundert». V<in Karl Hart neb fV7
Ilntder ll<*rtboM und Albeflnn Mairniu. Von J<m. Maria Wairner. . 1(16
Alte llonatrrimc. Von Anton Uirlinger . • . ... . HC
H<nu* unde örvn. Von I. V. Zinireric . .111
Studien iil»er deutarke PenMinennamen. Von Fnuia Stark... .113
Katharinen Marter. Heranaireirehen von Jidiatin Kam hei . . I^t
Pr^i^tT Umehaiücke de« Nibrlnnirenlie«lea. Von Kranx Pfeiffer 1K7
1. l>aa Uruebatück der UniversitaUhibUuth« k IW»
2. P. J. Salarik*« Bniehatück .191
BniehatUck« aus d«*m K«M««nfaften. Henmaffrip Im^u v«iu Karl Bartirb l!<H
HeimdaU und Wilhelm T.iL Von Ah'U Lhtolf . . a»<
I>a» ipoUiiacbe Adjeitivam. Von Ad<df Holtsnann 257
Ztt Eberhard van Cervne, de« Verliaaer der Manne UeprL Von F. Beck . . . 9ljK
llaa Weaa«»bninner (trlvet. Von (*onrad Hof mann STH
Paa Alteate deutaebe Pa««iona«|itel. Von Karl Barttrh 273
Kleine dentacba SprarbdenkmiUer de« XI. XII. JabrhumlefU. Von Antna Birlin(#r 20^ I>te l'nifleiebbeit der menteblieben Oewiebter. Von Kcinbold K«*hlrr . . 901
Kitt Bild der K«i|;k«it. Von Uemaelhen ... . 3»5
Seite Konrad von Fußesbrunnen und Konrad von Heimesfürt. Von Karl Bartsch . . . 307 Ein pessimistischer Zug in der Kntwickelung der Wortbedeutungen. Von Reinhold
Bechstoin 330
Die Sprache Heinrichs von Krolewisc. Von Demselben 355
Zum altfranzösischen Erec. Von Karl Bartsch 363
Zu Reineke Vos. Von August Lübben 370
Ein neues Siegfriedsmärchen Von A. Raßmann 373
Zu Wodan. Von Demselben 380
Biten und Gebieten. Von I. V. Zingerle 381
Zur Dftumlingssage. Von Karl Schenkl 384
Die alten Qlossare. II. Von Adolf Holtzmann 385
Frau S«elde, nach Heinrich von dem Türlein. Von I. V. Zingerle 414
Vergleichung von Wolframs Parzival mit Albrechts Titurcl in theologischer Bezie- hung. Von San-Marte (A. Schulz) 421
Zur Geschichte der deutschen Schriftsprache. Von Reinhold Bechstein 462
Zu Genesis und Exodus. Von Fedor Bech und Joseph Diemer 466
Zu Beowulf. Von Adolf Holtzmann 489
Farbensymbolik. Von I. V, Zingerle 497
LITTERATUR.
Recensionen:
Zur mittelalterlichen Litteratur Englands. Von San-Marte (A. Schulz) 117
Deutsches Museum für Geschichte, Litteratur, Kunst und Alterthumsforschung.
Herausgegeben von Reinhold Bechstein. Von J. M. Wagner 123
Horse belg^cae. Herausgegeben von Hoffmann von Fallersleben. Von Demselben 124 Über die Zeit der Abfassung des Heliaud. Von Dr. Hermann Middendorf. Von
Franz Stark 125
Über die Aussprache des Gothischen während der Zeit seines Bestehens. Von Dr.
Franz Dietrich. Von Demselben —
Walther von der Vogelweide, identisch mit Schenk Walther von Schipfe. Eine auf
Urkunden gestützte Untersuchung von Elard Hugo Meyer. Von Fr. P f e i f f e r . . 127
Zur Abwehr. Von Th. Vernaleken 128
Messire Gauvain ou la vengeance de Raguidel, publik par C. Hippeau. Von Adolf
Mussafia 217
Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XXI. Philologenver- sammlung. Von Karl Bartsch .' 222
Bibliographische Übersicht des Jahres 1862. Von Demselben 228
Beovulf. Mit ausführlichem Glossar herausgegeben von Moritz Heyne. — Beowulf,
angelsächsisches Heldengedicht, übers, v. Moritz Heyne. Von Adolf Holtzmann 506 Deutsche Rechtssprichwörter, gesammelt und erklärt von Eduard Graf und Mathias
Dietherr. Von Heinrich Siegel 5Ö7
GOTHISCHE CONJECTÜREN UND WORTERKLÄRUNGEN. 3
wenn es auch nur einmal vorkommt, während man mit deisei auf em altn. du zurückgehen muß, worüber J. Grimm (Vorrede zu Schulzes Glossar, S. IX) sagt: „doch kennt die altn. Sprache kein solches Adj. disj und das Subst. wird mit größerem Recht dem ahd. itis, ags. ides gleichgestellt, welches sich kaum aus dm oder dis erweiterte."
Saupa kömmt nur einmal vor. Cor. I, 15, 2, und heißt Grund^ Aoyos — in hvo saupo vailamerida izvis tivv XoyG) «vi^y^fAttfafiijv viitv» Ein böses Wort. Zu 8iuJ)an, sauj), sieden kann es doch nicht gehören, und mit friesischem saj)a, säda, engl, sod, holl. sode u. s. w. (Schm. 3, 202) Rasen, wüsste ich es auch nicht zu vereinigen, wenn schon Rasen, Gras und ahnliche Dinge in der Rechtssymbolik eine große Rolle spie- len. Die Vergleichung mit cechischem saud Gericht (nach neuerer Or- thographie 80ud) fällt sofort zu Boden, wenn man erwägt, daß dieses au ein aus an entstandenes langes u vertritt, und altsl. c/h<\Ä(sadü), poln. s^d = Judicium entspricht.
Die Vergleichung des gothischen sunja Wahrheit, eunjon recht- fertigen, dnoXoyeta^ai^ sunjons a%oXoyCa^ salisch und ripuarisch [sunnia (mit seinen zahlreichen mittellateinischen und romanischen Formen), ahd. »anne (Übersetzung der lex Sal.), alts. sunnea^ endlich altn. «yn, si/nja, synjon u. s. w. (s. RA. 647, Graff6, 241) hat mich zu folgender Erwägung geführt, ^unja^ aunnüj sunnia sind ohne Zweifel identisch. Sunja heißt Wahrheit, folglich aunjon Wahrheit angeben, rechtfertigen, aunnü wahr- heitgemäße Angabe eines rechtlichen Hindernisses, eines impedimentum legitimum, einer legalis necessitas (wie die Glosse aunnia erklärt) oder einer ehaften nö^ Der Begriff Wahrheit ligt zu Grunde. Suchen wir diesen in aavpa auf, so ergiebt sich von selbst aanpa; denn daß das alts. söth, ags. sod, engl, sooth, altn. sannr und sadr im Gothischen nur aanpa geheißen haben kann, versteht sich ohne Widerrede. Es ist das alte Participium des Verbums as, sscr. sat (= sant) lat. sent, griech. ovr-, und heißt das Seiende, id est das Wahre. Von saTz/)« kömmt also aanpa Wahrheit, Grund , und dies hat schon im Gothischen die Bedeutung, welche sunja später oder, um mich vorsichtiger auszudrücken, in andern germanischen Sprachen angenommen hat, denn warum sollte sunja nicht schon früher bei den Franken und Skandinaviern die Bedeutung gehabt haben, die es in der Lex sal. hat? Wie von sunja sunjon, so wäre von sau]) a (oder vielleicht san])ja) san])jan, san])jon abgeleitet worden. Sehen wir uns nun weiter um, so bietet uns sofort das Altnordische Beweise genug für unser san})a. Senna heißt Streit, Disput (also eigent- lich Angabe von Gründen); das Verbum aenna (= san])jan) heißt ser- mocinari, contendere, altercari, sanna probare, comprobare, verum esso
1»
4 CONRAD HOFMANN
declarare, pro vero habere, fries. «a«a, aannia streiten, anfechten, litigare, also ganz dasselbe (Richth. p. 1000).
Von derselben Wurzel as sein kömmt durch das Suffix iap (taj)i), welches dem ved. tat, t^ti, lat. t^t, griech. xrit entspricht (vgl. Bopp Vgl. Gr. 2. Aufl. in. 221 ff.), das goth. astaps^ welches ebenfalls Wahrheit aöq)dk€La bedeutet, das einzige Beispiel von dem Vorkommen dieses Suffixes im Gothischen. t ist durch s geschützt.
Nun fragt sich, ob die in allen slavischen Sprachen wie im Li- tauischen, Lettischen und Altpreußischen in* verschiedenen Formen und Ableitungen lebende Wurzel sand richten mit unserem sanpa und seinen Verwandten etwas zu thun hat. Urverwandtschaft ist nicht anzunehmen, denn dann müssten alle diese Sprachen t zeigen, während constant d erscheint. Entlehnung würde die Erscheinung des d eher erklären, da die genannten Sprachen alle kein ]> oder d haben und es durch d vertreten. Aber die Entlehnung eines Ausdruckes für einen so absolut noth wendigen Begriff, wie der des Richtens, ist erstens fast undenkbar, dann müsste man ja auch diesen entlehnten Ausdruck erst wieder durch die weitere Combination vermitteln, daß Gründe angeben, wahrspreclien^ eben sowohl dem Richter, wie dem Streitenden zukomme. Ich stelle es lieber zu sscr. sandhäy sandM,
Ist aanpja der Wahrsprecher, so dürfen wir auch versuchen, dem gewohnlichen gothischen Ausdrucke für Richter staua seine Grund- bedeutung zu ermitleln« Das Wort kommt durch regelmäßige Vocal- steigerung von der Sanscritwurzel 8tu praedicare, laudare, heißt also wortlich der Ausrufer, der den Rechtsspruch zu verkünden hat. Das urspr. t hat sich wieder durch die Verbindung mit s erhalten, wie in and'bahts durch die Verbindung mit h. Ich fasse letzteres als Part. Prset. Pass. von j/bhaj deditum esse, colere, dessen Part, bhakta (== goth. bahts) in Verbindung mit der Praeposition anu bekanntlich ergeben, gehorsam bedeutet. Das celtische am - bactus hat die Form ebenfalls rein erhalten und darf also jedenfalls in Bezug auf den Hauptbestandtheil des Wortes nicht von and-bahts getrennt werden. Ursprüngl. bh wird im Celtischen ebenfalls b. In andern Fällen ist das Participialsuffix zu J) geworden, wie in vairj)8 dignus = sscr. vrta electus von j/vr wählen neben vairj)s versus von |/vrt =^ vart. Ein weiteres solches Particip scheint bairhts von einer Grundform bharkta, j/bharg, die im erhaltenen Zustand bhrj lauten müsste, vgl. bhräj splen- dere, griech. q)Xoy = bhrag. t hat sich hier durch seine Verbindung mit der Asp. erhalten wie in hafts = captus, mahts = mactus, raihts = rectus, slaihts (biuhta gewohnt, von Vbiugan), haists, orbatus,
GOTHISCHE CONJECTUREN UND WORTERKLARUNGEN. 5
))aurfts indigus, vaurhts paratiis, hveihts (wenn dies nicht fiir leibts verlesen oder verschrieben ist).
Besonders fruchtbar für das tiefere Verstandniss des Gothischen erscheint die Vergleichung des Slavischen. Jacob Grimm hat uns hier, wie überall, den rechten Weg gezeigt und selbst schon eine so große Strecke davon zurückgelegt, daß für die nächste Zeit weder eine reich- liche noch sichere Nachlese zu halten sein wird.
Die germanischen und die slavischen Sprachen haben eine Fluth von Wörtern gemeinsam und die meisten sind nicht urverwandt, son- dern entlehnt. Das setzt einen langen und friedlichen Verkehr neben einander wohnender germanischer und slavischer Stämme voraus, der in einer Zeit statt gefunden haben muß, zu der unsere geschichtlichen Urkunden nicht hinaufreichen. Die Sprachen selbst sind hier die Ge- schichtsquellen, und die Untersuchung dieser Verhältnisse ist unbedingt eine der wichtigsten, interessantesten, freilich auch schwierigsten Auf- gaben der germanischen , wie der slavischen Philologie, die nur viribus unitis gelost werden kann.
Ich kann hier auf den Gegenstand nicht näher eingehen, ohne eine sprachvergleichende Abhandlung zu schreiben, die sofort über die Grenzen des Gothischen nicht bloß, sondern auch des Slavischen hinaus- gehen müsste , denn wo die Lautverschiebung im Stiche lässt , da ist fast immer die Entscheidung, was ursprünglich, was entlehnt sei, sehr schwierig. So ist z. B. goth. handugs peritus, 0oq)6g ganz gewiss iden- tisch mit slav. yi^A^''* (ch^dogü) peritus, invötTJiimv , aber wer hat entlehnt? Wenn handugs, wie angenommen wird, von handus kömmt, dann ist das Wort gothisch und heißt handfertig. Goth. stikls Becher, ließe sich recht schön von stikan stechen ableiten, das Stechende, der Stichel wäre das Hom, d. h. Trinkhom. Ahd. ist atechal calix, altn. (bei Björn) stikill pars extrema comu, apex. Betrachtet man dagegen das lit. stiklasy slav. ctkkao (stiklo), so wird das flotte Hom zu Glaa^ und auch dieses hat in der Sprache, der es angehört, eine gute Ety- mologie, indem es heißen kann das Zerflossene, Geschmolzene. Goth. halks miser ist gleich slav. y^AK'A (chlakü) caelebs; zu goth. hilpan halp gehört ^aau% (chlapü) servus (wörtlich der Helfer), aiains lapis ist = slav. CT^tiiA (stöna) murus', stols Stuhl == slav. ctoaä (stolü), lit. stalas Tisch (alles von der Wurzel sta stehen), hus = y'^I3A (chyza) YTiVA^A (chyza) domus, liansa cohors = rorCA (chusa) cohors für yaxCA chasa (Miklosich, vgl. Gramm. I. 61), wovon yO^'CApA (chusari) = gre. garius eher kommen dürfte, als von cursarius Seeräuber. Dv^ksä, njkä^^ hundert andere Fälle , in denen das Getm^km^^^ \xoAl ^wv^*^^ S^^ss^r
ß CONRAD HOFMANN
tisch sind, lassen sich in der Regel nur durch weitere Sprachverglei- chung entscheiden; wo diese nicht angestellt werden kann, bleiben Zweifel. Das goth. hrugga Stock, Ruthe, ^dß8og z. B. steht ziemlich vereinzelt, mhd. runge, Frisch 11. 137 wird identisch sein. Das Wort lebt noch im Niederdeutschen, wie Hoffmann von Fallersleben mich so eben belehrt hat. Slav. ^pTiSAWA (chruzanü) flagellum dürfte zu vergleichen sein. Grimm hat bring annulus unter die Wurzel hringan sonare gestellt und vringan torquere dazu verglichen, Gr. 11. 37 ; hrugga (als das Gebogene oder Biegsame) dürfte nun zur gleichen Wurzel gehören. Im Ags. kommt noch hrung unda vor, altn. hraung hröng fremitus (maris), hrang strepitus in foro, hringja campanam pulsare, cingere. Eine weitere Ableitung scheint der nordische Riesenname Hrüngnir.
Viga-deinom^ Mtth. 7, 16, ist von Grimm schön mit dvv (dacisch) dynad, danadien (welsch urtica) verglichen worden. Vielleicht könnte man noch slav. ^^mta (dynja) pepo dazu halten.
Biari steht so ganz vereinzelt, daß es bis jetzt jedem Erklärungs- versuche getrotzt hat. In Ermanglung besserer Hülfe könnte man slav. 3B'fapk (zveri) fera, herbeiziehen. Das slav. "b wird nach Miklosich theils wie e, theils wie ia ausgesprochen. Zviari würde das ganz räth- selhafte und unerhörte ia in biari erklären. Das Wort ist gemeinsl., auch litauisch zveris, altpr. svlri, und heißt Raubthier, großes Thier.
Unter allen germanisch-slavischen Gleichungen ist sicher keine interessanter und wichtiger, als die schöne Zusammenstellung des slav. Gottes JFVov« mit Freyr. Zeuss ist meines Wissens der Erste gewesen, der diesen Gedanken gehabt hat (Deutsch, u. Nachb. S. 35) und eine der größten Autoritäten der neueren Zeit, R A. Munch, hat ihn wieder aufgenommen und weitergeführt (s. besonders Det norske Folks Historie I. 218 ff.) und auch die Bezeichnung der Vanen mit dem finnischen oder tschudischen Namen der Slaven (Vaene-lainen) in Anschlag, wie ferner den slav. Wolos mit den Völsungen in Verbindung gebracht.
Wir stehen hier vor einem der Hauptprobleme germanischer My- thologie, vor der Frage: Haben die Germanen fremde Götter gehabt? oder um es concreter zu fassen: sind die Vanengötter slavische Götter?
Auf die Beweise für die Identität des Vanen- mit dem Wenden- namen will ich hier nicht eingehen, weil ich glaube, daß Schafarik an den verschiedenen Stellen seines Hauptwerkes, wo er darüber handelt. Alles beigebracht hat, was in der Sache gesagt werden kann.
Die Äsen und die Vanen haben, so lautet die Überlieferung, nach langen Kämpfen Friede geschlossen und gegenseitig Geiseln ge- -^^^ben. Der Hauptgott unter den vanischen Geiseln war Freyr = Frauja
GK)TfflSCHE CONJECTÜREN UND WORTERKLÄRUNGEN. 7
= Prove. Können wir die Bedeutung des Namens finden? Ich glaube ja. In allen slavischen und den nächstverwandten litauischen Sprachen findet sich in massenhaften Ableitungen ein Stamm pravj prov, der ju- stus, rectus bedeutet Altsl. npdB% (pravü) rectus, ripaROTd (pravota) rectitudo, iipdBkA^ (pravida) justitia, npaniiTH (praviti) dirigere, lit. prova Recht, Gericht, prövyju ausfuhren, fertigen, abmachen. Ich führe der Kürze wegen nur diese wenigen Beispiele an. Ein aus diesem Stamme gebildetes Nomen agentisprat?i;a,/raiya, heißt also der Ordner, Richter und Munch oder sein Gewährsmann Helmold hat ganz Recht, wenn er in Prove den Gott der Gerechtigkeit vermuthet. (Prove skal have vaeret Retfaer- dighedens Guddom.) Nun wird uns mit einmal klar, warum die Gothen ihre Könige oder Fürsten judices genannt haben , wie aus lateinischen Autoren z. B. Ammianus Marcellinus, Leben des Ulfilas bei (Waitz) hinlänglich bezeugt ist. Sie werden eben fraujans geheißen haben. Die Wurzel des Stammes prav wäre sanscr. pru ; dies kömmt vor, soll aber heißen — gehen. Mit einer so allgemeinen Bedeutung ist nicht viel anzufangen ; man könnte das Causativum prävayämi = ich mache gehen, bringe in Gang, als vermittelnd für die Bedeutung fertigen, ordnen, in Anschlag bringen.
Wäre Freyja gleich der slav. Prige, Prija, so hätten wir eine zweite Identität zwischen einem vanischen und einem slavischen Göt- temamen. Aber das kann nicht zugegeben werden. Freyja ist das Fe- mininum von Freyr und darf nicht davon getrennt werden. Mit Prija identisch aber ist nur Frigg = die Gattin, die Geliebte, wie altn. /rt, amasius, maritus, alts. frt, femina, prij/as heißt im Sanscrit der Gatte, prty^ die Frau, ganz wie im Germanischen, priyaa von der Wurzel pri diligere heißt carus, dilectus. Wie verhält sich dazu/n frei ? Es ist einfach dasselbe Wort, nur auf die Kinder angewendet. Die Kinder der Familie sind eben per se die Freien. Es ist dieselbe ursprüngliche Begriffsidentität, wie lat. liberi Kinder und liber frei. Wenn ich Prije mit Frigg, Frla identificiere , meine ich damit natürlich nur die Identität des Namens, keineswegs der Person. Einen Namen von so allgemeiner Bedeutung können Göttinnen von sehr verschiedenem Character getragen haben.
Gehört frono zu frö dominus? frowa domina? (d. h. Ordner, Ord- nerin der Familie.) Man sieht nicht ein, warum nicht. Wie verhält sich dazii das altpreußische peröni, gemeinschaftlich, Gemeinde und perö- nisku = frönisc, und wie verhält sich dieses peroni auf der andern Seite zu Perun, dem slavischen Großgott? man könnte bei diesem an Verwandtschaft mit pero penna denken — der Geflügelte. Sieh Miklo- sich Bildung der Nomina S. 53.
8 CONRAD HOFMANN
Unter den vanischen Geiseln war aach Kväsir, aas dessen Blute der Trank der Dichtkunst gemacht wurde. Im Germanischen findet das Wort keine Erklärung. Aber das Wort kvas heißt in allen slav. Sprachen /(^rm^n^titn und davon abgeleitet gegohrener schäumender Trank. kvdsir wäre also == Schäumer, keine unebene Bezeichnung für den Bausch der dichterischen Begeisterung.
W0I08 mit den Völsungen ist oben schon erwähnt. Die Urform, von der Volsung herkommt, heißt Vals. Auch Wolos, Weles ist nicht die primitive Form, sondern Woloa steht mit nach russischer Weise eingeschobenem o für Vlasj welches, wenn man die regelmäßige und nothwendige Umsetzung des 1 in Betracht zieht, mit Vala wirklich identisch ist. raacK (vlasü) heißt capillus, Wolos war ein Heerden- gott, sollte hier Zusammenhang sein? Dann wären Velsinge capillati, criniti, Haddfngjar.
Alles bis hieher Erörterte hat sich auf germanischer Seite gefunden bis auf Prove und frauja und selbst frauja hat noch einen slavischen Begleiter. Das goth. siponeis discipulus hat Grimm längst mit sl. zupan verglichen. Formell am nächsten kommt altpr. supüni Hausfrau, dessen s übrigens gleich z ist, für dessen Bezeichnung das Altpr. keinen be- sondern Buchstaben hat. Da zupan Herr heißt, siponeis aber Jünger, so scheint die Übertragung des Begriffes nicht sehr einleuchtend, im Gegentheile ein willkürlicher Einfall. Erwägen wir aber, daß kein Wort so ganz allgemein den Begriff Herr ausdrückt, so dürfen wir ihn auch bei zupan nicht zugeben, sondern müssen der specielleren Bedeu- tung des Wortes nachgehen. Zunächst glaube ich, daß es nichts zu thun hat mit pan Herr (von der Sansc. Wurzel pä tueri, also = Schü- tzer), sondern zur Wurzel gup = custodire, servare gehört (sl. z ist gleich urspr. g, z = gh, also z in supuni, s in siponeis das ursprüng- liche). Ein zupan ist also ein Custos oder der Aufseher einer zupa, eines Gaues, in dem Sinne eines Schutzbefohlenen Landstriches. So heißt gopaka (von derselben Wurzel gup) im Sanscr. der Aufseher eines Districtes, gopa 1. ein Hirt, 2. ein ßezirksaufseher, 3. ein König. Im Hirtenleben ist der Custos ein Aufseher der Heerde' dann wird er ein Landwächter, endlich ein Untervogt, zuletzt ein kleiner Herr, ein Dynast.
Als Landwächter, Castellan erscheint der zupan in der ältesten Geschichte der Slaven in Böhmen und Mähren schon im IX. Jahrh. Palacky (I. 174) sagt: „Da schon im IX. Jahrh. von befestigten Städten in Böhmen die Rede ist, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß die ehemalige ^upanei- oder Castellanei- Verfassung , wie in Mähren,
GOTmSCHE CONJECTUKEN UND WORTERKI.ÄRUNGEN. 9
SO auch in Böhmen, schon in diese Periode hinaufreichte. Ihr zu Folge war das ganze Land in viele Kreise oder Districte (provincias), slav. zapa, den deutschen Gauen ähnlich getheilt, deren jedem ein hoher Beamter, der Zupan (comes praefectus) mit mehreren Unterbeamten vor- stand. In jeder zupa gab es, wie in andern slavischen Ländern, so auch in Böhmen, eine befestigte Stadt (civitas) oder Burg (castellum). Die älteste böhmische Sprache machte zwischen Stadt und Burg keinen Unterschied, beide nannte man hrad (alt grad).^
Zum Beweis will ich noch das serbische züpa (»yna) anfuhren, welches bedeutet : „ein sonniges Land, wo entweder kein Schnee fällt oder der gefallene gleich wieder schmilzt.^ Hier hat sich der politische Begri£f der 2upa ganz verloren; aber der des geschützten Landes ist geblieben.
Nun können wir das goth. siponeis getrost mit 2upan und supuni zusammenstellen; es bedeutet die Gauwächter*), Gauherren, die unter dem frauja, dem Besitzer des Richteramtes stehen. Die Folgerung daraus ist von größter Wichtigkeit. Wenn die Gothen das Wort von den Slaven entlehnt haben , so werden sie auch das Institut entlehnt haben. Das setzt aber wieder einen längeren friedlichen Verkehr voraus.
Es fragt sich nun, ob bei den Slaven die Spur eines entlehnten Gottes zu finden ist. Wirklich trägt einer der slavischen Hauptgötter einen Namen, der sich, wie mir scheint, ganz ungezwungen auf seine Geiselschaft deuten lässt. Madogost, Radogast heißt nichts anderes als: der liebe oder frohe Gast, Fremde , zusammengesetzt aus altsl. pd^s (radii) lubens und roCTK (gosti) ^svoQy hospes. In Bezug auf radä hat Miklosich Bedenken erhoben, ob die gewöhnliche Bedeutung lubens die ursprüngliche sei und radii I. als promptus, alacer, 2. als cura (von pd^HTH [raditij curae esse) in Betracht gezogen, was indess auf die vorliegende Frage keinen Einfluß hat. Wenn nun die Slaven einen ihrer Großgötter als Gast, l'Vemden bezeichnen, so scheint die Deutung am nächsten zu liegen, daß es ein entlehnter Gott, ein Geiselgott war, oder der sl. Name des Hoenir, denn dies war bekanntlich der Gott, den die Äsen den Vanen übeiließen und der bei ihnen die Götter- dämmerung überlebte. Hoenir (von hoenaz) bedeutet favorem eaptans.
*) Hier eine Bemerkung über die Ableitung des engl, yeoman. Ich glaube, daß Junius Becht hat, wenn er es von Gau ableitet und Gaumann erklärt. Die Schwierigkeit ligt nur darin, das Wort Gau im Ags. nachzuweisen, wo der Begriff bekanntlich durch »dr ausgedrückt wird. Kemble setzt g& als ags. Wort voraus (The Saxons in England I. 72) und wirklich findet es sich zweimal in dem Hydenverzeichniss (ib. p. 81) Nozga g4, Ohtgag&.
10 CONRAD HOFMANN
Zur Deutung gothischer Wörter sind bekanntlich auch schon die finnischen Sprachen zu Rathe gezogen worden. Paida hat seine Erklä- rung im finnischen paita Hemd , paidotcm das Hemd anziehen , mit um so mehr Recht finden dürfen, da der Anlaut p absolut ungermanisch scheint, wie dagegen ein dem Slavischen, Litauischen, Finnischen an- lautendes f gänzlich abgeht. Der Grund dieses im Anlaut mangelnden p liegt vielleicht darin, daß die Worter, welche auf der früheren Laut- verschiebungsstufe ein b gehabt haben müßten, um im Germanischen p zu bekommen, an dessen Stelle v hatten. Im Sanscrit ist bekanntlich diese beständige Verwechlung zwischen b und v eine gewöhnliche Er- scheinung, und selbst die Buchstaben b und v sind im Grunde iden- tisch, indem sich b vom v nur durch einen kleinen Strich unterschei- det, der offenbar später hinzugefügt wurde, gerade so, wie man die ursprünglichen Runen durch Beisetzung von Punkten in einer späteren Periode differencierte und punktierte Runen nannte (stüngnar rünir). Daß
V und '^J^ b sich so zu einander verhalten , ist wohl unbestreitbar.
Im Finnischen findet sich eine Menge germanischer Wörter, von denen die meisten der Natur der Sache nach schwedisch sind, eine kleinere Anzahl aber aus anderen germanischen Sprachen gedeutet werden muß. Einige Rückwirkung vom Finnischen ins Germanische wird der Natur der Sache nach wohl stattgefunden haben.
Ich kann hier auf das, was ich mir in diesem Betreffe gesammelt habe, nicht näher eingehen; nur ein Paar Vermuthungen möchte ich zu weiterer Erwägung noch beifügen. Frödis Mühle, auf der Fenja (die Finnin) und Menja Gold und Friede mahlen, die dann ins Meer versinkt und einen Malstrom bildet, scheint mir identisch mit dem räthselhaften Sampo, dem Symbole des Reichtbums und Volksglückes, um den sich die eigentliche Handlung des Kalewala dreht und der gleichfalls im Meere versunken, wie Grotti, Glück und Friede mit sich in der Fluth begräbt.
Der Name Loki scheint mir besser aus dem Finnischen erklärbar, da die Ableitung von lükan claudere doch einen gar zuabstracten Sinn gibt, der mir wenigstens nie zusagen wollte. Im Finnischen heißt lokki Wolf, was den Charakter des eddischen Loki in prägnantester Weise bezeichnen würde.
Yölundr ist der Sage gemäß ein Finne. Sollte nicht auch sein Name (Valand) finnisch sein? Von den drei Hauptkünsten der Finnen, Zauberei, Schmiedekunst, Bogenschießen, übt er nebenbei die erste, sein Hauptfach aber ist überall die zweite, während seinem Bruder Egill die dritte zugetheilt ist. Das Bogenschießen der Finnen erwähnt schon '^acitus, gewissermaßen als ihre einzige positive Eigenschaft — sola
GOTfflSCHE CONJECTUREN UND WORTERKLÄRÜNGEN. H
in sagittis spes, quas inopia fem ossibus asperant. Es war ihnen, wie allen nral-altaiscbcn Stämmen, Skythen, Hunnen, Petschenegern, Ava- ren, Magyaren, Mongolen u. s. f. angeborne Kampfweise, wie überall dem Jäger- und Nomadenleben entsprechend.
Die Kunst Metalle zu bearbeiten scheint hauptsächlich von der Ausbeu- tung der uralischen Bergwerke durch die permischen Finnen herzustammen und muß in ein sehr hohes Alterthum hinaufreichen. Im Finnischen heißt nun walan 1.. gießen überhaupt, 2. Metall gießen, aera fundo, fundens fabricor, und von diesem walan scheint mir der Name Valand = Völundr herzukommen.
MÜNCHEN, im September 1862. CONRAD HOFMANN.
ÜBER BRUCHSTÜCKE EINER HANDSCHRIFT MIT ALTHOCHDEUTSCHEN GLOSSEN.
Manchen Lesern der Germania ist vielleicht der Auctionscatalog der Librischen Manuscripte unbekannt geblieben und ich halte es daher nicht für überflüssig, die nachfolgende Abschrift von den verschiedenen Facsimiles mitzutheilen , welche aus Nr. 1112, Fragmenta Vetusta. A collection of five leaves containing Latin verses and an ancient glos- sary. 4®. Saec. VIII — IX on vellum, dem Catalog angehängt sind. Wo- hin diese 5 kostbaren Blätter gekommen, habe ich nicht erfahren können; wahrscheinlich sind sie in England geblieben, da sie um einen sehr hohen Preis (5 oder 6 Pfund, wenn ich mich nicht irre) abgiengen. Die hiesige Bibliothek hatte auf mein Anrathen ein Pfund darauf bieten lassen.
Ich gebe nun unter L 11. III. die Glossen (eine kleinere Hand ist durch Klammem ausgezeichnet), unter IV. den Inhalt der Hand- schrift und die Nachschrift, welche den Schreiber Reginlert^ das Kloster Anua, in welchem er geschrieben, nennt und durch den Namen des Klosterheiligen, der unglücklicher Weise abgeschnitten ist, auch die nähere Bestimmung des lOosters gegeben hatte. Wer in den Kloster- annalen bewanderter ist als ich, wird die Sache vielleicht herausbringen*).
*) Auua ist das Kloster Reichenan, sonst in jener Zeit gewöhnlicher /Sitnc2Zeo2e«-^ttua genannt, und der Schreiber Reginbert jener berühmte Vermehrer der Reichenauer Kloster- bibliothek, die er 26 Jahre lang (f 846) verwaltete, vgl. Schönhut, Chronik des Klosters Reichenau (Konstanz 1835) S. 20. 50 — 53. Das noch erhaltene, von seiner Hand herrührende Handschriftenverzeichniss steht abgedruckt in Keugarts Episcopatus constantiensis I. App. n, 547 ff. Die Zahl der von ihm selbst und auf seinen Betrieb geschriebenen Handschriften
12 CONRAD HOFMANN
Unter V folgt noch ein Specimen der Versus von anderer Hand als die Glossen geschrieben. Das Deutsche wird wohl noch aus dem Vm. Jahrh. sein. Auf Einzelnes will ich der Kürze wegen nicht näher eingehen.
Meine Absicht bei dieser Veröffentlichung ist, daß den 5 Blät- tern von solchen , die Gelegenheit dazu haben , weiter nachgeforscht und der Inhalt wo möglich, so weit er uns betrifit, mitgetheilt werde.
CONBAD HOFMANN.
L
INClf ÜERBA EXCERPTA IN DIALOGOR.
a. Congesta . Catraganiu . zasamanekahuffotiu. Indagatio . Inquisitio.
Eminebat . Abauuas {Flebotomum • blodsex.)
!l^notatione . forazeichane.
P^diuexum . duruh uahaldi.
Prelatis . ppositis . foraprungane.
Censura . magisterium.
Dispendia . ungafuari.
Galliculam . scuah (Mansionaria . hostioria.)
Fretus . confisus.
Antiquarios . iä libros . humatum . sepultum.
Dissiluit . zarspranc. (7h gremio .t. medio domtis,)
Racimi . uuinberi . drut. ; {Tnt^ orina , proprtä...)
Deliberaret . camarchoti.
Frutecta . Chruat ; pconio . mit lobu.
b. Monstra . zaubar . ungahiurida. Uini Aisor . scaf uuart.
Fasta . superbie . Effera . seuera mens.
Palpitaret . pipeta . zabulota.
Apotecä . cellariü : Importune . agaleizzo.
Perstreperc . tumultuare.
Furentis . cremizzontes.
Relatione . sagun.
belSoft sich auf 42. Unter Nr. 6 findet sich yorliegender Codex folgendermaßen verzeichnet : „In sexto libro comprehendnntar diversi yerans et nonuUorum hymni sanctonun et aliquo- rmn epitliaphia Sanctonun et martirologiiun cum conputo et cyclo et versus de diebus et mensibus et XTT signis et diverssB glossse super istoriam veteris et novi testamenti et super alios quam plurimos libros et notsB Julii CsBsaris et monogranmue diverse et Über Flinii secundi de natura rerum. ^ P f e i f f e r.
ÜBER BRÜCHSTÜCKE EINER HANDSCHRIFT BOT AHD. GLOSSEN. 13
Adnisa . agaleizzi . ilungu. Intentio . uoluntas . kingo. Molestia . saht . crepitum . prastot. Inopinate . umbiahtot. Disparuit • euanuit. c. Conditione . in dea cadingun. Queror . forscou. Cateruatim . folchum. Crassata est . scviet. Supprimo . arreccbu. Ex deliberatione fona uualu. Questus es • rachotos. Exemptum . arlitanaz. Ad tantillum . ad modicum . ad parunm. Animadaersione . mit michileru cräfi. Coeuas . kaleibun . ebancaltron. Obsta • uueri . sie osta. Tinctores • meittun.
n.
a. Infiigere . Intnan.
Pro condiscensione . I . kabarmida. Quatior . cachlecchit pim. Inlidor . anacachnusit pim. Euidentissime . auuezorahtistur. Adgreiranit . zuakasamanota.
b. Ite^L . «,.r^.g^. Satisfactio . pvazza. Exorsus . inean . r Sincopin • de/ecHo stomaehi-
Sentina dicitur ubi multe ac . . . . fiunt collecta in no . . . .
Imitari . antron .
deiectione . sceltun.
Consparsio . suht . de robore dicitur.
m.
Adprime • az eriat. Turgidus . tamens. Sophia . 8c"a. sapientia. Cliuum • halda huahaldi. Vtputa . eoso careis. Superstite . uiaente.
14 CONRAD HOFMANN
Rastrum . Isan catanaz. Spectaculnm . ab aspiciendo dr. et singulare certamen. Quippe . reht uuas so. Supersunt . adhac oiuant. Infestam iratum. b. Dispensatio . misericordia.
Abba . aliquando monachum uocant. Continuo . sareo . Inpcat^. Continue . emazzigo. Sexuntias . luzzi . Xu antias. captiuns . notfanc. Constantismum . firmissimum. Baratrum . iä uorago . tiufi. Prefectorum. Itum . nerbum gernndiuum.
{Calculum df . infirmitas eius qtd non potest migare qs lapis) obdorat uirilia. )
IV. In hoc corpore continentur multa de quibus pauca nomina.« ..
I. Inprimis sunt diaersi nersus a scis doctoribus ^diti.
n. Deinde aliquant! ymni in scorum et nonnulla uirorum in li
in. In(t)er ea naq: diuersi ad diuersos usus uersus sunt conscripti.
TUT. Postmodum chronica strictimuerbiscompositaacpostea uersus. . . .
y . Postea martyrologium . ac pars cicli atque diversi ad menses et die . . .
VI. Deinceps glose super canones . ac regulam sei benedicti et
diue. . .rum. . .
YU. Postmodum glose super uetus et novum testamentum.
Vm. Deinde iterum glose diverse super nonnullos scorum libros.
Villi. Postea de grecis litteris et notis iulii . et monogrammis . et. . . .
X. Deinde nonnulle sententie de multis questionibus incogn....
XI. Ad extremum libellus plenii secundi . de diversis in orbe signi. . .
In nomine di patris et filii et sps sei . a et cd . principiü et
Hunc codicem ego reginbertus scriptor seruorum di
Cum permissu et uoluntate seniorum ad seruitiü di et sc. . . • Ceterorumque scorum quibus in auua seruitur . meo studio ac labor. . . Eumque usibus fratrum in ibidem famulantium aptari et conseruari di. . . Perque dm optestor • ut nulli a quoquam extra monasteriu. . .onet. . . . Nisi qui ibi fidem et pignus dederit . donec eum san et saluü suoloco. . . .
ÜBER BRUCHSTÜCKE EINER HANDSCHRIFT MIT AHD. GLOSSEN. 15
V. INCIPIT ÜERSUS DE RESURRECTIONE DNI.
Refulgit omnis luce mundus aurea perfusus aether inrorat duicidine astra iocandis celum luminariis.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MAKTINA.
1. Die lateinische Legende.
Bruder Hugo von Langenstein verdankt, wie er im Schlußtheile seines Gedichtes von den Martern der heiligen Martina 287, 99 ffi selbst erzählt, seine Kunde von der Heiligen einer bejahrten geistlichen Frau, die von Jugend auf dem Predigerorden angehörte. Die fromme Frau war in schwere geistige Kämpfe verfallen, meinte von Gott imd Himmelreich ewig geschieden zu sein, und betete vergeblich während fast vier Jahren zu Gott und vielen Heiligen. Endlich half ihr Gott durch die heilige Martina, die bisher in deutschen Landen (vgl. 284, 93. 286, 91. 287, 79. 109. 289, 1) ganz unbekannt gewesen war. Eines Abends nämlich, als jene Klosterfrau nach vielem Beten und Weinen zur Ruhe gegangen war, erschien ihr im Schlafe ein schöner alter grauer Mann und hieß sie zur heiligen Martina, der heiligsten Frau nächst der Mutter Gottes, beten. Am Morgen fragte die Klosterfrau vergeblich im Kloster nach der Heiligen, niemand wusste von ihr, end- lich suchte man im Martyrologium und fand ihren Namen am ersten Januar. Die Klosterfrau wandte sich nun im Gebet an die Heilige und ward erhört und fand Ruhe. Sie verschaffie sich dann — Hugo sagt nicht von wem *) — ihre Legende und ließ sie abschreiben , Hugo aber brachte sie auf ihr Ersuchen in deutsche Reime.
Diese Legende nun, die Hugo in seinem Gedichte bald nur daz buoch (5, 16; 142, 40; 165, 54; 173, 63; 183, 84; 231, 47), bald die legende nennt (146, 22; 184, 105; 238, 92; 290, 99, 109), ist uns erhalten. Es ist die Legende, die in den Acta Sanctorum, coUegit Jo. BoUandus, Tom. I, Venetiis 1734, S. U AFI steht. „Descripsimus —
*) Wctckemagel, die altdentschen Handschriften der Basler Umversitfitsbibliothek S.40, and Oödekey die deutsche Dichtung im Mittelalter S. 219 und Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung S. 75 sagen, Hugo habe die Legende aus Rom mitgebracht Dies sagt er jedoch nirgends. Daß er in Rom gewesen, darf man allerdings ans 283, 5 ff. schließen.
16
REINHOLD KOHLER
sagt Bollandus — ex vetusto Codice imperialis monasterii S. Maximini Treviris contulimnsque cum editione Bonini Mombritii, excusis agonibus martyrum, ms. S. Marias de Ripatorio, in quo nonnihil subinde con- tracta erant, deinde cum Surio, Silvano Razzio aliisque.^ Hugo von Lan- genstein, der eine Handschrift der Legende vor sich gehabt haben muß, die nicht überall ganz genau mit der Trierer stimmt, hat fast jeden Satz der Legende übersetzt oder vielmehr umschrieben und nur äußerst weniges ausgelassen. Am wenigsten konnte es ihm einfallen, von den Martern der Heiligen einige auszulassen. Im Gegentheil bedauert er mehrmals (232, 101; 238, 86; 292, 1), daß er in der Legende nur eilf Martern vorgefunden und also auch nur soviel habe nachdichten können, während ihm doch viele geistliche Leute versicherten, zwanzig Martern derselben gelesen zu haben*).
Um denen, die das Gedicht und die Legende weiter vergleichen wollen, das Ausfinden zu erleichtem, gebe ich die folgende Vergleichung:
Cap. I = II =
in =
IV =
V =
VI =
vn = vm =
IX =
X =
XI =
xn =
XIII =
XIV = XV =
XVI = XVII =
4 4 5 6 6 7 7 8
10 11 13 54 67 73 76 78 81 83 85 89
89.
94.
35.
27. 107.
47. 105.
43.
81.
89.
96 ff.
81 ff.
85 ff.
47 ff.
72.
28.
87.
31. 105 ff.
10 ff.
xviir =
XIX =
XX =
XXI =
xxn =
xxra =
XXIV =
XXV =
XXVI =
XXVII •=
xxvni =
XXIX =
XXX =
XXXI =
xxxn = xxxm =
90, 31. XXXIV = 165
93, 93 ff. XXXV = 168
95, 89 ff. XXXVI = 170
102, ölff. XXXVII = 171
106, 15ff. XXXVm = 172
106, 9ff. XXXIX = 176
108, lOff. XL = 177
108, 95 ff. XLI = 189
111, 65. XLII = 179
111*, 13. XLIII = 183
113, 109. XLIV = 183
137, 60. XLV == 185
140, 29. XL VI =212
144, 5. XLVII = 218
144, 85. XLVm =221
148, 4. XLIX = 226
153, 21. L = 228
155, 6. LI = 229
169, 23. LH = 229
161, 15.
52.
76.
21.
19-
45.
32. 5.
23* 101.
33-
99.
58-
37. 8-
14.
41.
74.
49. 105.
Daß Hugo eine mit der Trierer nicht überall stimmende Hand- schrift der Legende benutzt hat, ergibt sich aus folgenden Stellen:
6, 19 sagt Hugo von Bassus dem man vil hdhe wirde wacj wan er des richee stüele pflac. Die Trierer Hs. aber hat Bassus, qui super thorum imperialem prceerat, während andere, von Bollandus nicht näher bezeichnete thronum haben.
*) Oödeke irrt demnach, wenn er im Grundriß S. 75 sagt: „Elf Martern hat Hugo von Ewansig ausgewählt."
QUELLENNACH WEISE^ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MAKTINA. 17
Der von Hugo. 5, 21 genannte Gajtis heißt bei BoUandus Cajus Domesticus^ bei Surius auch bloß Gajns.
12, 21 ß. sagt, der böse Geist, er habe unter Kaiser 'Augusto 37 Jahr, zur Zeit Kaiser 'Antonien' 45, unter Alexander 16 Jahre ruhig verbracht. Bei Bollandus : sub CcBsare Avgusto annis triginta octo et sub Antonino annü guadraginta quinque et sub Alexandro annos quindecim.
167, 94 erhatMartina 108 Wunden, in der Legende (Cap.XXXIV) rentum decem et ocfo incisiones.
229, 50 heißt der Papst Ricorius, während Bollandus Rythoriua gibt und bemerkt, daß andere Handschriften Ritorius und Rithorius haben. Wahrscheinlich wird auch bei Hugo Ritorius zu lesen sein.
231, 11 werden zwei iüsent und driu hundert Römer Christen, nach der Legende (Cap. LH) duo millia triginta.
231, 51 heißt Alexanders Nachfolger Claudius j in der Legende ^faxi7ninus,
Ich lasse nun einige Übersetzungen lateinischer Worte, die Hugos Kenntniss characterisieren , beispielsweise folgen. 4, 81 mit des keisers ingesigel : imferiaiem imaginem deferentes. 4, 107 sine beste fürsten : Of- timates. 5, 17 eiti lioher gräve : comes. 5, 82 er was worden drt stunt der heiser sunderUcher rät : ter consul factus. 5, 107 goies predierin : dei diacona. 13, 82 daz volk viel da nider und wurden alsd swach der lider : multo amplius consternati. 14, 93 wtssagen (im folgenden näher als Sterndeuter beschrieben) : arioli. 15, 24 zoubercere : haruspices. 58, 26 von den steinen scharpfe schaln : testse, vgl. auch 73, 5 und 42. 85, 66 daz man si solde enthaupten : capitalem sententiam adversus eos dedit 90, 77 hexe : incantatrix. 111, 81 mit isenmen sparren : vectibus ferreis. 111, 88 wir stn in den äderan versnitten , in des Itbes marge : incidimur in nervis et meduUis. 140, 31 ein fürst : tribunus. 142, 76 üf einem stuole riehen, keiser flehen wol geworht (vgl. auch 145, 39) : in sede imperiali. 142, 41 vil gedemere in dem kerkere : carcer multa habens habitacula. 144, 29 schuolmeister : scholastici. 145, 27 mit zwein harten, daz wären groze f forsten : cum duobus sacerdotibus principibus idololatrise. 165, 53 an einen nchragen : in conto. 185, 80 gebuttel: praeco. 110, 7 ff. gibt Hugo eine etymologische Erklärung von centurio. 172, 91 erklärt er amphitheatrum. Die ptisanas des Cap. XXX VHI sind 173, 63 ff. weggelassen, ebenso der onychinus lamax des Cap. LI 229, 85 ff., wahrscheinlich weil Hugo diese seltenen Worte nicht verstand. Die Worte des Cap.LI'adduxerunt corpus s. Martinas in sextam regionem' übersetzt Hugo 229, 86 ff.:* Martina wart geleit ze Rdme an ein solhe stat, diu in tiuschen niht namen hat Im lateinischen Original kommen drei Göttemamen vor: Apollo, Ar-
GBRMANIA VIIT. 2
18 BEINHOLD KÖHLER
temis, Zeu8, letzterer griechisch decliniert : Dii Cap. XL VII (nach der Trierer Hs. , andere haben Dian), Dia Cap. XLII, XLIV, XLV, was auf ein griechisches Original deutet. Hugo sagt Apollo^ in den abhän- gigen Casus Apollen. Artemis heißt bei ihm Arteniia (Arthemia) 145, 1 ; 153, 86; 157, 145; 160, 81; 171, 106; 180, 48; im Accusativ Arte- miam 149, 30; 153, 57; 179, 62 und Ariemiden 225, 23; 226, 3. Zevs gebraucht er zweisilbig 176,8; 221,45; 223,33; 224, 45, 47; 225, 13. 226, 3 bildet er den Accusativ Zeum, Sonst braucht er für Zeus auch Dlan (Df/an)^ als Nominativ 182, 31, als Dativ 219, 71, als Accusativ 180, 31; 184, 26; 185, 84.
Ich muß es den Lesern selbst überlassen, das Original und Hugos Verse im einzelnen genauer zu vergleichen. Manche Eligenthümlichkeiten der Hugoschen Sprache werden dadurch Erklärung finden. Auch alle einzelnen Worte und kleineren Sätze , die Hugo weggels^ssen , näher zu bezeichnen, wurde zu weit führen. Noch viel weiter aber würde es fuhren, alle die zahllosen Erweitenmgen und Zusätze, die er gemacht hat, zu bezeichnen. Die größeren Episoden werde ich einzeln besprechen, im allgemeinen aber will ich nur noch bemerken, daß er selten eine Gelegenheit vorübergehen läßt, wo er Gottes Macht und Größe, die Eitelkeit der Welt, die Qualen der Hölle, Martinas Tugend und künftige Seligkeit, Kaiser Alexanders Schlechtigkeit und künftige Yerdammniss schildern kann. Besonders erweitert und ausgeführt sind immer die Reden und die Gebete der'^Martina und die Reden des Kai-* sers und der andern Heiden.
n.
Die Episode von den Kleidern der Martina. Die erste und zugleich die längste der Episoden ist die selbst wieder mehrere kleinere in sich schließende von den Kleidern der lieüi- gen Martina (15, 58 — 53, 83). Hugo nimmt nämlich ganz plötzlich Anlaß , uns die Kleider und Schmucksachen , welche die Heilige von Gott erhalten hat und welche lauter Tugenden sind, zu beschreiben. Ihr Hemde war die Keuschheit (15, 71), ihr Rock die Milde (17, 30), ihre Suggenie*) die Gerechtigkeit (18, 56), furriert mit Zucht (18, 108), ihr J/anteZ die Geduld (19,28), dessen Pelzfutter, die /ScAam( 19, 86), ihre Brustspange die Minne (20, 62), ihr Grürteläie Stätigkeit (22, 9), ihr Scliappel bestand aus sechs Blumen: Demut (24, 83), Treue (25, 17), Maß (25, 61), Erbarmen (25, 103), Gehorsam (27, 32), Weisheit (44, 1), ihr Ring war der Glaube (48,85), der Stein im Ring dieZai?erwcAe(50, 19).
*) VgL darüber Weinhold die deutschen Franen im Mittelalter 8. 447, der Hagos fitelle nicht anführt.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. 19
Natürlich begnügt sich Hugo nicht mit dieser einfachen Aufzäh- lung, sondern er bespricht die einzelnen Stücke der Kleidung und be- sonders die einzelnen Tugenden mehr oder weniger ausführlich. Ob Hugo für seine Erörterungen der einzelnen Tugenden eine bestimmte Quelle hatte oder ob das, was er darüber sagt, aus der Leetüre verschiede- ner Werke herrührt, habe ich nicht ermittelt. Die Erörterungen enthalten viele Citate aus der Bibel •, aus Kirchenlehrern *) und aus Profan- schriftstellem **) , die keinesfalls alle aus den Originalwerken selbst entlehnt sind.
KUidungasiücke allegorisch zu deuten war im Mittelalter beliebt. Ich erinnere an den^ Spruch Beinmars von Zweter 41:
Waz kleider vrouwen wol an ste,
des wil ich iuch bescheiden: ein hemede wiz alsam ein sne;
daz ist daz si got minne unt habe in liep, dest wol ein richez kleit.
Dar obe sol sin ein rok gesniten,
so daz si lieb und leit sol tragen mit vil kiuschen siten;
ir gürtel si diu minne; ir vürspan daz si tugenden si bereit;
Diu £re ir mantel, daz der an ir dekke,
ob iht des st, daz wandel an ir blekke;
ir rise daz sol sin ir triuwe,
dar ob ein schapel von der art,
daz si vor valsche s! bewart:
si sselic wip, der lob ist iemer niuwe.
Und ähnlich in den Erzählungen aus altd. Hs», hgg. v. Keller, 604:
Die alden frommen haut uns geseit, daz tugent ist ein erenkleit, zuht ein schöner mantel drohe, schäme ein gürtel, den ich lobe, bescheidenheit ein schappel fin, messekeit mag wol sin ein gezierter furspang reine, verswigenheit ein edel steine
«) Aagastin 16, 39. 20, 99. 107. 48, 98. Beda 16, 5. Bernhaird 16,15. 79. 19, 45. 23,2. 24, 8.9. 28, 41. 84. 49, 6. Gregor 19, 61. 47, 11. Hieronymus 45, 14. Isidor 16, 96. 51, 90. Prosper 20, 92.
**) TulliuB 47, 39 und Senec« 21, 67. 26, 49. 45, 55. 47, 52. Über letztem spricht Hugo 21, 55 ausführlicher, beklagt, daß er Heide war, und erzShlt seinen durch Nero er- zwungenen Selbstmord. Wenn er den Namen etymologisch erkUSrt (21, 68 : der selbe name tiutet sa daz er sich selbe hab erslagen), so vgL man die Legenda aurea, cp. 89. S. 376 ed. GrSsse: sie quodam pr»8a^o Seneca nomen habuit quasi m necoM,
2*
20 EEINHOLD KÖHLER
an finger in dem golde.
Mit mime wünsche ich wolde,
daz ein ig] ich frommes wip
trüge alsoliche kleider ir stulzer lip. Ferner vergleiche man den Schulmeister von Eßlingen IX , 2, Gottfried von Neifen 43, 26, Konrad von Altsteten II, 5, Ulrich von Liechtenstein LI, 2, Spervogel 1, 22, Konrad von Wurzburg 1, 16, XXXIV, 14, Gottfrieds Tristan 116, 3, Gesammtabenteuer VI, 7, Bartsch Erlö- sung S. 192. In dem Loblied auf Maria, das unter Gottfrieds von Straßburg Namen geht (27, 1), werden sieben Tugenden aufgezählt, die Gott Marien als Kleider angelegt hat. Über einzelne hierher gehö- rige Metaphern vgl. man das mhd. Wörterbuch unter kleit und wdt^ wo noch manche Stellen nachzutragen wären. Selbständige allegorische Dichtungen von der Kleidung der Frauen kann ich nur außerhalb Deutschlands nachw^eisen: ein niederländisches Gedicht Van suveren clederen te draghen alle vrouwen*, in Serrure vaderi. Museum 1, 350, vgl. Hoffmann Übersicht der mittelniederl. Dichtung S. 18 , ein fran- zösisches von Olivier de la Marche (1422 — 1501) 'le parement ou triomphe des dames dlionneur , vgl. Melanges tires d'une grande bi- bliotheque D, 283, ein schottisches von Robert Henrysoun Hhe garment of good ladies', bei Ellis specimens of the early english poets, 5. ed., I, 294. Hierher gehört, wenn Alvarez de Ayllon wünscht, daß sein Sterbekleid Treue, sein Gürtel Traurigkeit sei u. s. w. (Clarus Spa- nische Literatur 2, 252). Vielleicht ist die Quelle all dieser allegorischen Spielereien mit der Kleidung in Stellen der Bibel zu suchen, nämlich Isaias59, 17; Epheser 6, 14; 2. Thessal. 5,8; 2. Timoth. 2,9. 10. Auch der Schluß von Tertullians Schrift de cultu feminarnm ist vielleicht nicht ohne Einfluß gewesen: Prodite vos jam medicamentis et oma- mentis exstructae prophetarum et apostolorum, sumentes de simplicitate candorem, de pudicitia ruberem, depictae oculos verecundia et os taci- turnitate, inserentes in aures sermones dei, adnectentes cervicibus jugum Christi . . Vestite vos serico probitatis, byssino sanctitatis, purpura pudicitise. Taliter pigmentataB deum habebitis amatorem. Endlich wollen wir uns auch erinnern, daß den sämmtlichen Stücken der Kleidung des katholischen Priesters seit alter Zeit symbolische Bedeutung bei- gelegt wurde; vgl. Jo. Steph. Duranti de ritibus ecclesi« catholicse, Paris 1632, libr. 2, cap. 9, und das von PfeiflFer herausgegebene Gedicht über die Deutimg der Messgebränche in Haupts Zeitschrift 1 , 270. So mochte Hugo mehrfache Anregung für seine Kleiderallegorie ge- funden haben und durfte auf den Beifall seiner Leser rechnen.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO^S VON LANGENSTEIN MAKTINA. 21
In die Episode ist wieder eine ziemlich lange Episode eingeschaltet. Die Besprechung der Tugend des Gehorsams nämlich, insofern dieser Christum zwang, Mensch zu werden, gibt dem Dichter Anlaß zu einem langen Abschweif (27, 32 — 43, 74) über Christi Leben ^ besonders aber über seine Leiden^ Tod und Auferstehung. Dazwischen, um doch nicht ganz zu vergessen, daß alles nur Episode ist, wird mehrmals die Blume Gehorsam erwähnt (30, 92; 31, 91; 32, 19; 35, 5; 38, 42; 40, 33; 43, 96). Ob bei dieser Darstellung des Lebens und Leiden Christi Hugo selbständig aus der Bibel geschöpft oder irgend eine Bearbeitung benutzt hat, habe ich nicht untersucht.
Bei der Besprechung der Weisheit fugt Hugo eine Beschreibung und Deutung der fünf Weisheiten der Sehlange ein (15, 84—47, 29), die wir weiter unten besprechen. lOeinere Abschweifungen innerhalb der Episode von den Kleidern der Martina , die Hugo seiner Weise nach nicht unterlassen hat, übergehe ich.
m.
Die Episode von der menschlichen Gebrechlichkeit und
ihre Quelle.
Die nächste große Episode ist die gegen dritthalb tausend Verse lange, ziemlich unvermittelt eingeschaltete Schilderung der menschlichen bloßde 114, 95 — 137, 30. Es ist dies aber keine selbständige Dichtung Hugos, sondern vielmehr eine Bearbeitung einer Anzahl Capitel eines berühmten Buches des Papstes Innocentius HI., welches derselbe noch als Cardinal Lothar, also vor 1198, unter dem Titel »de contemptu mundi sive de miseria humanae conditionis libri tres" geschrieben hat*}. Daß Innocenz seine Quelle sei, hat Hugo allerdings 115, 22 angedeutet (der rede antvmrte sus der bäbest Innocentius f der höhe ISrcere, vgl. auch 116, 89), aber so unbestimmt, daß wer jene Schrift nicht kennt, nur von den nächsten Worten, etwa bis 116, 8 vermuten wird, sie seien die Worte des Innocenz. Ich glaubte diese Quelle zuerst entdeckt zu haben, bis ich bei Durchsicht der von W. Wackemagel herausgegebenen Meinauer Naturlehre S. VH vom Herausgeber bemerkt fand : 'Ein Ab- schnitt der Martina von der menschlichen Blöde ist nach Papst Inno- cenz Schrift „de miseria conditionis humanae^ gearbeitet'. Jedoch nicht nach der ganzen Schrift, sondern nur nach einer Anzahl Capitel des ersten Buches. Original und Bearbeitung entsprechen sich folgender- weise:
*) Neuerdings nach Vergleichung der altem Drucke uud einer Handflchrift heraus- gegeben von Joh. Heinr. Achterfeldt, Bonn 1855.
22 EEINHOLD KÖHLEK
|
Cap. I =Ä |
115, |
7. |
IX = |
122, |
105, |
xvn — |
129, |
7 5. |
|
n — |
117, |
67. |
X = |
124, |
87. |
XVIII = |
180, |
19. |
|
ni = |
119, |
9. |
XI = |
124, |
67. |
XX = |
184, |
79. |
|
IV = |
119, |
87. |
XII = |
126, |
25. |
XXII = |
184, |
111. |
|
V = |
119, |
79. |
XIII = |
126, |
29. |
XXIII — |
185, |
68. |
|
VI = |
119, |
95. |
XIV = |
126, |
61. |
XXIV — |
185, |
69. |
|
VII = |
120, |
108. |
XV = |
128, |
45. |
XXV = |
185, |
111. |
|
vm = |
121, |
66. |
XVI = |
128, |
79. |
XXIX = |
186, |
87. |
Im n. Cap. sind die Worte expressum myaterium^ sed alias ex- prirmendum nicht übersetzt. Vom IV. Capitel ist der größte Theil als anstößig nicht übersetzt, aus gleichem Grunde vom V. Cap. nur der Hauptinhalt angegeben. Vom VI. Cap. sind die letzten Sätze nicht übersetzt, dagegen ist die Beschreibung der Misgeburten sehr ausge- führt. Im VIII. Cap. ist die Geschichte von Phares weggelassen, die /(»da peilicula sehr angstlich behandelt und ein langer Zusatz über die Hölle beigefugt. Im IX. Cap. sind an die Stelle der lendes und pedieuli die Flöhe getreten, und die excrementa ausfuhrlicher, doch unter Ent- schuldigung, behandelt. Cap. X, XH, XTTI sind unvollständig über- setzt. Cap. XI und XIV sind mehrfach erweitert. Den Vers aus Horaz und den herrenlosen Vers Quod aumus iste fuit, erimus quandoque quod hie est in Cap. XI, der an den von mir in der Germania V, 220 flF. behandelten Spruch der Todten an die Lebenden erinnert, hat Hugo weggelassen. In den Cap. XV, XVI, XVH, XVIH, XX, XXH, XXIV, XXV, XXIX ist vieles nicht übersetzt, dagegen Cap. XVHI und XXV in einzelnem sehr erweitert. Aus Cap. XXVHI hat Hugo nur den Gedanken, daß neue Krankheiten aufgekommen seien und die menschliche ^Natur immer schwächer werde, 136, 68 — 76, aufgenommen und in die Bearbeitung des Cap. XXTX eingefügt. In Cap. XXIX sind einige Bibelstellen nicht übersetzt, dagegen hat Hugo der Auf- zählung barbarischer Strafen noch das Blenden, das Schleifen ^dur Stocks^ duT hurstt und das lebendig Sieden — ^als diu reht hdn ge- boten^ — hinzugefügt und an die Martern der Heiligen erinnert.
Die Episode schließt Hugo mit dem Gedanken, daß nichts ge- wissers als der Tod sei, nur seine Zeit ungewiss, 137, 23 ff- Vgl. 46, 91; 255, 103; 259, 63; Freidank 177, 13: wir enhaben niht gewisses mS wan den tot Brun von Schönebeck S. 353 : nihts ist gewissers denne der tOt%
*) Daher ist gewiss Beiwort des Todes, vgl Hahn zu Stricker 9| 28, HelbÜDg 1, 109, und man sagt betheuernd: ich toeiz daz ala nUnen ti8l , vgl. Sommer zu Fleck 3759. Im Englischen : „as sure as death.^ In der spanischen Gaunersprache heißt der Tod et€rto.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. 23
IV.
Die Episode von den letzten Dingen und ihre Quelle.
Noch umfangreicher als die eben besprochene ist eine andere Episode, nämlich die von den letzten />2n^m,186, 110 — 211) 89. Hugo wird zu dieser Episode veranlaßt durch Betrachtung der Verstockt- heit des Kaisers Alexander, die dereinst von Gott schwer gestraft werden wird. Nachdem Hugo zunächst 187, 3 eine Stelle aus Hierony- mus citiert hat, erzählt er, daß nach den weisen Pfaffen sonderlich drei Zeichen dem jüngsten Tage vorhergehen: mancherlei Wunder, die Ankunft des Antichrists, der allgemeine Brand, 187, 37—188, 58*). Nach Lukas [21, 25] gehen fünf Zeichen vorher r an Sonne, Mond, Sternen, Erde, Meer, 188, 59 — 189, 32. Hierauf folgt die Beschreibung der fünf zehn Zeichen vor dem jüngsten Tage, wie sie S. Hieronymus an der Juden Buch gefunden ♦*), 189, 33—191, 6. Für diese Schilde- rung scheint Hugo das 141. Capitel der historia evangelica des Petrus Comestor hauptsächlich benutzt zu haben. Doch muß er auch noch eine andere Darstellung, wahrscheinlich die des Thomas Von Aquino (op. Paris 1660, X, 730 J Venet. ed. Xm, 442) gekannt haben *♦*). Denn am 5. Tage bluten bei ihm nicht nur, wie bei Petrus Comestor, Bäume und Kräuter, sondern auch die Vögel scharen sich zusammen, *al8 oueh ander meiater jehint* , am 6. fällt auch Feuer vom Himmel, am 12. kommen, wie ^ouch etsliche sagen ^ die Thiere zu Felde brüllend und vor Angst nichts essend.
Hierauf übersetzt Hugo 191, 7 ff. eine Stelle aus Matthaeus [ev. 24, 7 und handelt dann ausführlich 191, 33—- 211, 62 vom Antichrist j vom WehbrandSy von der Auferstehung^ vom jüngsten Gericht und von der Er^ neuerung der Welt, Und zwar ist dies alles Übersetzung des 7. bis 20. Capitels des 7. Buches des Compendium theologicce veritatis, eines be- rühmten, in vielen Handschriften vorhandenen und später vielfach in Deutschland, Frankreich und Italien gedruckten Werkes, welches wahr- scheinlich von Hugo von Straßburg in der 2. Hälfte des 13. Jahrhun- derts verfasst istf). Daß das Compendium Hugos Quelle war, sagt
*) 187, 57 — 188, 56 sind m. streiclien, sie kehren 191, 1 ff. an der richtigen Stelle noch einmal wieder.
**) Hieronymus in annaUbns Judseoram invenit, Petras Comestor. ***) Man vergleiche über die fünfzehn Zeichen Sommers Aufsatz in Haupts Zeit- schrift 3, 523 und Grimms Mythologie 776, wozu sich noch mehreres nachtragen Ifisst. t) Von manchen ward es dem Bonaventura, dem Thomas von Aquino, dem Al- bertus Magnus u. a. beigelegt S. Qu6tif und Echard Scriptores ord. praed, 1, 470. Fa- briei«§ bibL lat. mediae et infimie setatis Till, 844.
|
191, |
31 == VII |
195, |
91 |
|
191, |
85 = VIII |
196, |
58 |
|
192, |
81 = IX |
196, |
85 |
|
192, |
60 = X |
197, |
55 |
|
196, |
öl = XI |
198, |
85 |
24 REINHOLD KÖHLER
er selbst 211, 72 am Schlüsse dieser Episode mit großem Lobe des Buches : 'daz hän ich gar getihtet mit vil grozem ruoche ab compendio dem buoche theologice veritatis^ des sunt ir rehte sin gewis, daz ist ze tiute geseit diu gotlichiu wärheit' u. s. w.
Die Verse des Gedichts und die Capitel des Conpendium *) entsprechen sich also:
= XII 201, 58 = XVII
= XIII 204, 99 = XVm
= XIV 207, 5 = XIX
= XV 208, 47 = XX = XVI
Abgesehen von Weglassungen von Citaten in allen Capiteln sind Cap. IX, XI, XII, XV, XVI, XVn, XVni, XX mehr oder weniger unvollständig übersetzt. Die genauere Vergleichung im Einzelnen muß ich dem Leser überlassen und hebe nur Einiges im Folgenden hervor.
Den Haymo des Cap. VII und IX nennt Hugo 191, 65 meister Heime, 194, 77 meister Heimelin.
Die Worte des Cap. VH!: 'Antechristus afBrmabit ante se nulluni fuisse Christum hat Hugo 192, 14 übersetzt: 'der endecrist noch mere gibt, daz vor im si gewesen niht rehte cristen Hute.'
Intra montes Caspioa übersetzt Hugo 192, 39: 'in Caspios dem gebirge.' An dieser Stelle hat er auch nach der gewöhnlichen Annahme noch beigefügt, daß Alexander Gog und Magog eingeschlossen habe. Den Worten des Cap. X: 'Habebit secum magos et male/icosy reges guoque et principe^ entspricht Hugo 195, 67: 'künege groz, gräven, fiin, dienestman, dar zuo mengen cappelän, der sich der schrift ent- zihet und sine sele entwihet.'
Zu der Stelle 200 , 71 : 'der lip liuhtet mit hoher wunne als diu durliuhtic sunne, üz dem libe mit höher kür diu sele liuhtet doch her für sibenvaltic schoener gar' u. s. w., der nichts im Cap. XVI entspricht, vergleiche man Compendium VII, 28.
200, 94 ff. bemerke man, wie geschickt Hugo die vier causw^ efficiens, materialis, formalis und finalis, des Cap. XVI umschrieben hat. Der zweiten citatio per apostolos et prcedicatores in Cap. XVII ent- spricht bei Hugo die Ladung durch Christus und seine Boten, und er nimmt dabei Gelegenheit Christus zu preisen, sowie 205, 17 — 59 ein Preis Gottes eingeschoben ist. Bei Übersetzung des Judicium uniforme des Cap. XVII kann Hugo nicht umhin, die Bestechlichkeit der irdi- schen Richter zu rügen.
*) Mir liegt das Compendium in der Lyoner Ausgabe der Werke des Albertus Magnus, Tom. XUI, worin es aufgenommen ist. vor.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'8 VON LANGENSTEIN MARTINA. 25
Den Satz des Cap. XX, daß Gott von dem Menschen durch den Spiegel der Schöpfung erkannt werde, hat Hugo 209, 2 ff. erweitert, indem er sagt, daß auch die Dreifaltigkeit an der Creatur erkannt werde, nämlich der Vater als Gewalt^ der *Sohn als Weisheit ^ der h. Geust als Liebe, Hierfür ist Quelle Compendium I, cap. 4, 5 und 8, wo aus- einandergesetzt ist, daß Gott der Vater die Gewalt, der Sohn die Weisheit, der h. Geist die Liebe sei*), und cap. 10, wo es heißt: Relucet qnoque in creatnris vestigium beatse trinitatis. Cognoscitur enim in magnitudine creatnrarum potentia patris, in dispositione sapientia filii, in omatu bonitas spiritus sancti.
V. Episoden von der Hölle und ihre Qualen.
Ich habe schon oben bemerkt, daß Hugo gern an die Hölle und ihre Qualen erinnert. Eine besonders ausfuhrliche Schilderung derselben gibt er episodisch 60, 43 — 72, 90, veranlasst durch die Betrachtung, daß Kaiser Alexander einst für die Marterung der Martina in der Holle gemartert werden würde. Zunächst spricht er in der ihm öfters eigenen spottenden Weise von dem Brot in der Hölle , von dem höllischen Bier aus Schlangen, Kröten und Nattern, von dem höllischen Salbei aus Mücken, Spinnen und Fliegen. Dann schildert er, wie die Verdammten leiden durch Kälte und Hitze, Rauch, Regen von Pech und Feuer, Schwefeldampf, Fesseln, Finstemiss, Gewürm, auch durch den Wurm des Gewissens, durch das Geschrei der Teufel und durch bösen Gestank. Hierzu vergleiche man im Allgemeinen des Innocenz oben erwähnte Schrift HI, cap. 4 und Compendium V, cap. 22, wo es heißt: Erit ibi calor ignis, Stridor frigoris, tenebrae, fumus, lacrimae, maerores, aspectus dae- monum, clamor improperii, ariditas, sitis, foetor sulphuris, vermis con- sciencias, vincula, carcer, timor, dolor, pudor, invidia, rancor, carentia visionis divinae, ablatio spei omnis salutis.
Die weiteren Schilderungen der Höllenqualen bei Hugo stimmen genaner mit Innoeentius erwähnter Schrift, und zwar entsprechen sie sich also:
Hugo 64, 59 = Innoc. III, cap. 2. 67, 97 = cap. 7.
65, 15 = cnp. 8. 68, 47 = cap. 8.
66, 75 = cap. 5. 68, 56 = cap. 9.
67, 41 = cap. 6. 68, 83 = cap. 10.
Hieran schließt Hugo noch weiteres au. Von dem höllischen Feuer, insofern es trotz seiner Kraft die Fesseln der Verdammten nicht löst,
*) Vgl. H. Bitter Geschichte der Philosophie VII, 414 und J. Diemer Genesis nnd Exodus II, 8 ff.
26 REINHOLD KÖHL£B
kommt er 69, 11 — 70, 104 anf die Geschichte der drei Männer im feu- rigen Ofen, deren Fesseln das Feuer verbrannte, ohne sie selbst zu verletzen. 71, 3 ff. widerlegt er den Einwand ^ daß es ungerecht sei, eine zeitliche Sünde mit ewiger Strafe zu büßen, dadurch, daß er behauptet, Gott erforsche den Willen und verdamme nur die, deren Willen dahin gehe, ewig zu sündigen. Wahrscheinlich nach Innocen- tius m, cap. 10: Homo peccavit ad tempus, non ergo puniet deus in »temum. O spes inanis, o falsa pr»sumptio! und weiter: Reprobis deus irascitur setemaliter, quia justum est, ut quod impius in suo praevari- catur aßtemo, deus ulciscatur in suo sstemo. Nam licet peccandi facultas illum dimittat, ipse tarnen non dimittit voluntatem peccandi. Diese Sätze hatte Hugo oben 68, 83 ff», wo er nur einen Theil des 10. Cap. be- arbeitet hatte, ausgelassen. 71, 40 ff. folgt eine weitere Schilderung der Holle mit ihren Schmerzen, Leidenschaften und Lastern, und 71, 100 ff. eine fast komische ihres Wirtfaes Schentingast *) , der nichts umsonst gibt u. s. w. 72 , 72 ff. wird dann zum Schlüsse die Hölle mit einem strengen Mönchsorden verglichen.
VI.
Kleinere Episoden von der Schlange, dem Phönix, dem Panther, dem Adler, dem Löwen, dem Ole, dem Brunnen.
Wir wenden uns jetzt zu fünf, meist kleineren Episoden, in denen Hugo die Eigenschaften gewisser Thiere schildert und deutet, nämlich der Schlange^ des I hönix^ des FantherSf des Adlers^ des Löwen.
Indem Hugo in jener besprochenen Episode von der Kleidung der Martina auch die Weisheit, eine der fünf Blumen in Martinas Kranze, schildert, kommt er auch auf Christi Ausspruch (Matth. 10, 16) : estote ergo prudentes sicut serpeutes, und dadurch auf die Beschreibung und Auslegung der fünf Weisheiten der Schlange (15, 84—47, 29). Die Schlange hat folgende Weisheiten: 1. sie behütet vor allem ihr Haupt; ebenso sollen die Christen alles preisgeben , aber das Haupt , d. i. Christus, behalten; 2. sie häutet und verjüngt sich im Alter, indem sie sich durch ein enges Loch drängt; ebenso soll wer seine alten Sünden rasch ablegen will, sich der Welt entkleiden und in einen Orden
*) Schindeng^ast kommt als alleg^orischer Name onter andern derartigen für Per- sonen des pKpstlichen Hofes im Benner 9031 vor. Die Stelle der Martina ist Grimm Grammatik 2, 1020 nicht entgangen. Der Name gehört zu der Kahlreichen, viel bespro- chenen Classe der imperiativischen Namen, ygL die Nachweise in den Fastnachtspielen S. 1527, Pott Personennamen S. 612 flT., Elee die deutschen Familiennamen in befeh- lender Form, Laibach 1860, und Wackemagel in der Germania V, 300 ff.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEINS MARTINA. 27
treten; 3. sie druckt ein Ohr auf die Erde und steckt in das andere ihren Schweif, um die Stimme des Zauberers nicht zu hören; ebenso sollen wir die Ohren vor dem Teufel verstopfen, indem wir an den Tod und die Gebrechlichkeit des Menschen denken; 4. sie stellt den Fersen der Frauen nach, die ihr dagegen den Kopf zu zertreten suchen ; hier bedeutet die Schlange den Teufel, der, wie die Schlange den Frauen an der Ferse, dem Ende des Leibes, nachstellt, so den Menschen am Ende der Lebens nachstellt, indem er ihnen die Reue und den Glauben zu rauben sucht; wir sollen sein Haupt zerschlagen, das heißt die Sinne und die ersten Gedanken überwinden ; 5. sie wohnt in wüstem Gemäuer, in Nesseln, Domen u. dgl. fem von den Menschen, ihren Feinden; ebenso sollen alle geistliche Leute die Welt fliehen.
87, 36 — 88, 67 erzählt Hugo vom Phönix. Er wird dazu ver- anlasst, indem er die bekehrten Heiden, die als Märtyrer sterben, weil sie sich von ihren alten Sünden verjüngen wollen, mit dem Phönix vergleicht. Der Phönix in India — so erzählt Hugo — fliegt, wenn er 500 Jahre alt ist, ins Paradies und holt sich daher edle Früchte, Gewürze und Holzer, woraus er sich dann ein Nest baut, unter dem er dürres Reis aufschichtet. Dann fliegt er zur Sonne, holt sich da Feuer, zündet damit den Haufen an, setzt sich in das Nest und verbrennt sich darin. Dadurch wird er am ersten Tag ein Wurm , am zweiten ein Vogel, am dritten wieder der Phönix. Dies geschieht im März. Es gibt immer nur einen Phönix. Der Phönix ist Christus, der auch nur einer ist. Das Nest ist der Leib der Jungfrau, die Hölzer, aus denen es gebaut ist, sind die Patriarchen und andere Vorfahren der Jungfrau, das himmlische Feuer ist die starke Braust der Minne, das Verbrennen und die Wiederveijungung der Tod und die Auferstehung. Von Martina heißt es 96, 108 : ' mit emst lief sie nach vil balde und ouch schiere dem himelschen pantiere,' und daran knüpft sich 96, 111 — 103, 49 eine Schildemng und Auslegung der Eigenschaften des Panthers. Der Panther ist buntfarbig und sehr schön, er ist sanft und hasst nur den Drachen. Wenn er sich gesättigt hat, schläft er drei Tage lang, wenn er erwacht, brüllt er laut und gibt einen so süßen Duft von sich, daß alle Thiere seiner Spur folgen, nur der Drache nicht, der sich verbirgt. Er bedeutet den milden Christus, dessen Kleid auch sehr bunt war, da es 20 und mehr Farben hatte, nämlich: Weisheit, Demuth, Minne, Furcht, Milde, Vernunft, Stärke, Keusche, Gerech- tigkeit, Erbarmung, Treue, Maße, Geduld, Scham, State, Bescheiden- heit, Glaube, Zuversicht, Zucht, Gehorsam. Wie der Panther ist Christus über alles schön und sanftmüthig. Wie der Panther gesättigt von Speise
28 REINHOLD KÖHLER
drei Tage schläft, so schlief Christus gesättigt von seinem Leiden im Grabe, bis er am dritten Tage wieder erstand und gleich dem Panther einen lauten Ton aus dem Mund erschallen ließ: das sind die Ver- kündigungen der Propheten und der Apostel. Wie die Thiere dem süßen Gerüche des Panthers, so folgen die Anhänger, besonders die Einsiedler und Märtyrer, Christus wegen des süßen Duftes, der- von ihm ausgeht, und lassen sich durch keine Marter- und Todesail, deren Hugo sehr viele aufzählt, abhalten.
Die Betrachtung, daß Martina mit ihrer Seele Auge die wahre Sonne ungeblendet ansehen konnte, bringt Hugo darauf, von dem Adler zu sprechen, 106, 87 — 107, 74, der allein von allen Thieren in die Sonne sehen kann. Er ist sehr schnell und hat wenig Fleisch. Wenn er alt wird, so fliegt er dreimal in die Sonne und von da in einen Brunnen und wird so an Augen und Fittichen wieder verjüngt. Die Echtheit seiner Jungen prüft er daran, ob sie in die Sonne blicken können. Er ist mild und theilt von seiner Speise den andern Vögeln mit.
Bei Gelegenheit des Löwen, der die Martina fressen sollte, erfah- ren wir die drei Naturen des Löwen, 173, 77 — 176, 14. Er schläft mit offenen Augen, er verwischt auf der Flucht seine Spur mit dem Schweife, und er erweckt seine todtgebomen Jungen durch sein Brüllen zum Leben. Der Löwe bedeutet Christus, der todt im Grabe lag, während seine Gottheit wachte. So soll auch bei uns unser Wille immer wachend sein. Christus deckte femer, wie der Löwe seine Spar, seine Gottheit mit der Menschheit: so sollen wir durch die Todesfurcht die Fußstapfen der Sünde zudecken und verwischen, denn der Tod ist des Lebens Schweif. Endlich erlöste uns Christi Ruf am Kreuze vom Tode und machte, daß wir lebend wurden. So sollen auch wir zu Gott rufen und unsere Werke, die sonst todt und verloren sind, lebend machen.
Was die Quellen dieser Episoden anbelangt, so sagt Hugo bei der Episode vom Panther 97, 1: Von dem pantier wil ich sagen, als fisiologuB betiutet und des Urkunde biutet.' Vom Phönix sagt er 87, 43 : Von im schrlbet alsus der meister /mologue, als wol kan er zwieren an vogiln und an tieren ir natüre , ir sunder art' u. s. w. Beim Adler citiert er 106, 92 den Aristoteles und 106, 108 den Augustinus, bei den übrigen niemand.
Ohne Zweifel hat Hugo diese fünf Episoden aus irgend einer Bearbeitung eines Physiologus, sei es aus einer selbständigen oder aus einer in irgend ein anderes Werk eingewebten, geschöpft; aus welcher, habe ich aber bisher nicht ermitteln können. Der Physiologus des Pseudo-Epiphanius , der griechische Physiologus bei Pitra Spicilegium
QUELLENNACHWEISE Zu HÜGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. 29
Solesmense, Tom. III, pag. 338 ff., der von Heider im Archiv für Kunde österreichischer Geschichtsquellen III, 2, 552 ff. herausgegebene lateinische des Pseudo-Chrysostomus , das Gredicht des Theobald in Hildeberti op. ed. Beaugendre p. 1173 ff., die beiden lateinischen Phy- siologi in dem zweiten Bande der Melanges d'archeologie von Martin und Cahier, die althochdeutschen prosaischen in Hoffmanns Fundgruben
I, 16 ff. (vgl. auch Diutiska UI, 22 ff. und Maßmanns Gedichte des 12. Jahrhunderts S. 311 ff.), der gereimte bei Karajan Deutsche Sprach- denkmale des 12. Jahrhunderts S. 73 ff., der französische prosaische in den Melanges, die gereimten des Guillaume, herausgegeben von Hip- peau, Paris 1852, und des Philippe de Thaun bei Wright populär trea- tises on science written during the middle ages p. 74 ff. weichen sämmt- lich in manchen Einzelheiten, besonders der Deutung, von Hugo ab. Auch Damiani opusc. LII, ed. Paris 1651, Tom. II, p. 350 ff. weicht vielfach ab. Andere theologische Werke des Mittelalters, in denen Deu- tungen der Eigenschaften von Thieren vorkommen, die Pitra a. a. O.
II, 480, HI, 52, 88, 101 citiert, habe ich nicht vergleichen können.
Wenn Hugo 87, 44 den Physiologus £ur den Namen eines Ge- lehrten nimmt, so theilt er diesen Irrthum mit anderen. Vgl. Karajan a. a. O. 88, 2 und 106, 5: Mer meister Phisiologus' , und Melanges d'archeologie II, 106: 'Fisiologes uns des bons clers d'Athenes.'
Wir schließen hieran noch zwei ähnliche kleine Episoden, von den Eigenschaften des Öls und des Brunnens und deren Deutung. Zu der ersteren 59, 61 — 60, 26 wird Hugo veranlasst, indem er von der Martina in Bezug auf ihre irdischen Leiden und den himmlischen Lohn dafür sagt, sie habe von der sauren Weide süßen Honig *) und öl von dem harten Steine gesogen. Das öl bedeutet die Erharmung Gottes^ und hierauf werden die vier Naturen des Öls gedeutet: es schwimmt stets oben, es hat klaren lichten Schein, es speist den Leib, es heilt Wunden. Auch hier kann ich keine directe Quelle nachweisen. Vgl. Pitra Spicilegium Solesmense H, 380 ff. und Augustinus in Job. evang. cap. 1, tract. VI, §. 20: Olivae fructus caritatem significat. ünde hoc probamus? Quomodo enim oleum a nuUo humore premitur, sed dis- ruptis Omnibus exsilit et supereminet, sie et Caritas non potest premi in ima; necesse est, ut ad supema emineat.
Die Episode von den Eigenschaften des Brunnens 103, 83—105, 14 ist durch die Worte des 19. Capitels der Legende veranlaßt: haec
*) Vgl. Rudolf von Ems Barlaam 20, 7: *Kri8t hiez von dornen r6sen springen, mit sfiezer vraht vfirdringen daz honic von der widen.'
30 REINHOLD KÖHLEB
cognitio mea, quse apad te est, domine, sicut fons Spiritus. Diese Worte hat Hugo übersetzt 103, 76:
an underl&z min geist
vor dir ist üzgeschozzin,
mit willen unverdrozzin,
reht alsam ein brunne
bi dir, lebinder sunne.
Vil an dem brunnen liget
bezeichenunge so er piSiget. Nun folgen die Eigenschaften des Brunnens. Der Brunnen rinnt heim- lich aus der Erde ; so wussten die Heiden nicht, von wo die Gnade der Martina zufloß. Der Brunnen ist immer klar und trübt sich nie, wie sich auch Gott nie trübt, wie viel wir auch sündigen mögen, wenn wir nur die Sünden bereuen. Der Brunnen ist immer kühl; so kühlen wir uns durch Reue von der Sünden Hitze ab. Der Brunnen ist allen ge- meinsam und immer fließend, ebenso wie Gottes Gnade. Der Brunnen fließt zu Thal, wie Gottes Gnade den Demüthigen zufließt. Der Brunnen ist an seinem Ursprung am besten, so Gottes Gnade, je mehr man sich ihm nähert.
Man vergleiche über die Deutungen von fons und puteua Pitra a. a. O. n, 162 und 163. Wer die dort gegebenen Citate alle nach- schlagen kann, findet vielleicht die Quelle Hugos.
vn.
Martina im Himmel. Die Episoden von der Aureola, von
den Engeln und von den Freuden des Himmels und deren
Quelle. Die fünfzehn himmlischen Gerichte und die
fünfzehn Beigerichte.
Hugo hat sich nicht begnügt, das Leiden und den Tod der Martina nach Anleitung der Legende zu dichten, sondern er hat dann noch die Schilderung des Empfanges , der der Heiligen im Himmel zuTheilward, mit Einfügung umfänglicher Excurse hinzugefugt. Zunächst erzählt er uns 232, 31 ff., daß Christus und Maria die Heilige empfan- gen. Dann empfangen sie die Apostel, die Mägde, die Märtyrer, die Beichtiger. Mägde, Märtyrer und Beichtiger, als Inhaber der Aureola, begrüßen die Martina, die allen drei Classen angehört und der deshalb in dreifachem Sinne die Aureola zukommt, als Schwester. Hierauf wird Martina mit der Aureola gekrönt, und dies veranlasst unsem Dichter zu einer langem Abschweifung über die Aureola 233, 109 — 238, 40,
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. 3]
welche wieder eine Übersetzung aus dem CompendiumtheologiecBveritatü ist, nämlich des 29. und 30. Gapitels des T. Buches, und zwar nur mit wenigen Auslassungen (so ist der Schluß des 29. Gapitels über den Unterschied von aura, aureola und palma nicht übersetzt) und unbe- deutenden Zusätzen. Hierauf kehrt Hugo 238, 41 ff. wieder zur Martina zurück, und sagt uns 239, 39 ff., daß sie auch von den Propheten, von Mer himel ingesinde' und von den Engeln empfangen worden sei. Hier iugt er nun eine lanffe Abschweifung über die Engel ein , 239, 56 — 245, 17, wie er selbst sagt nach dem Compendium iheolcgicce veri- taÜB gearbeitet (als ich ez hän gelesen ab compendio dembuoche 239, 60). Zunächst werden 239, 61 — 240, 50 die allgemeinen Eigenschaften der Engel beschrieben, und zwar nach Compendium H, 11. Sodann be- richtet er, daß Gott in dreierlei Wohnungen wohne, in der Dreifaltig- keit, in den Herzen der reinen Menschen und in den Engeln (240, 51 — 101), nach Compendium II, 12. Hierauf werden die neun Chöre der Engel , die Seraphim , Cherubim und Thron! , die Dominationes, Principatus und Potestates, die Virtutes, Archangeli und Angeli, einzeln nach Compendium H, 14 beschrieben. Die Theilung der neun Chöre in je drei Gruppen ist nach Compendium U, 12. 244, 23 — 245, 16 fugt er noch manches zum Preise der Engel bei, was nicht im Com- pendium steht, nur die Lehre, daß die durch den Sturz der abtrünnigen Engel leer gewordenen Plätze durch Menschen wieder besetzt werden sollen, ist nach Compendium H, 24 : Angelorum ruina restaurabitur per salvandos etc.
Endlich 245, 17 kehrt Hugo wieder zu Martina zurück. Sie wurde von den Engeln im Himmel als Schwester und Gespiel empfangen. Aber all dieser Empfang und ihre Freude darüber war nur ein Vorspiel gegenüber den Freuden des Himmelreichs, in das Christus sie einführte. Die Freuden des Himmele beschreibt nun Hugo 245, 51 — 257, 78, und auch hier ist das Compendium theologicce veritatie seine Quelle, und zwar das 37. Capitel des 7. Buches. Nur wenige Sätze des Capi- tels sind ausgelassen, viele dagegen sehr ausgeführt und erweitert. So gibt Hugo, während im Compendium die arithmetici, geometrici, grammatici, dialectici, rbetorici einfach erwähnt werden, eine kurze Erklärung dieser 'fünf Künste' 245, 77 ff. Ganz besonders ausgeführt sind die Worte: erit deus speculum visui, cithara auditui, mel gustui, balsamum olfactui, flos tactui, 247, 19 — 249, 68. Die Worte: 'ibi erit candor lucis aBstivalis, amoenitas vernalis, abundantia autumnalis, requies hiemalis' geben Anlaß zu einer Schilderung der himmlischen Jahres-
32 REINHOLD KÖHLER
Zeiten im Gegensatz der irdischen, 249, 69 — 253, 68 *). Bei Grelegen- heit der Schilderung des himmlischen Herbstes sagt Hugo, daß gegen seine Früchte die des irdischen nichts seien, und beschreibt den Tugend- bäum, den man auf Erden pflanzen muß, dessen Wurzel Gottesfurcht und dessen Stamm Demuth ist, und der fünfzehn Zweige hat : Scham, willige Armuth, Gehorsam, rechter Glaube, feste Zuversicht, starke Minne, geistliche Stärke, Maße, Weisheit, Gerechtigkeit, Milde, Treue, Geduld, Stetigkeit, 252, 19 — 253, 3**). Woher Hugo diesen Tagendbaum hat, weiß ich nicht***). Femer sind hier ausgeführt die Worte des Com- pendium : Mbi videretur stultitia sapientia Salomonis, ibi esset deformitas pulchritudo Absalonis, ibi esset tarditas velocitas Asaelis, ibi judicaretur infirmitas fortitudo Samsonis, ibi esset mortalitas longa vita Methusa- lem, ibi esset panpertas regnum Augusti', 253, 109 — 255, 95 f ). Bei Erwähnung des August fallt Hugo ein, daß unter ihm Christus geboren ist, und er erzählt uns gleich von Augusts Edict, demzufolge Joseph und Maria nach Bethlehem kamen, 255, 21 — 65, indem er Petrus Comestor historia evangelica cap. 4 übersetzt.
Nachdem Hugo das 31. Capitel des 7. Buches des Compendium übersetzt und somit die himmlischen Freuden im Allgemeinen geschil- dert hat , beschreibt er 267 , 79 — 278 , 2 die fünfzehn Gerichte oder Trachten^ mit denen man im Himmel gespeist unrd. Die Quelle hiervon
*) Hugo g^bt hier aach die ' Anfönge der einzelnen irdischen Jahreszeiten an : Lenz an S. Peters Stahlfeier (249, 73), also am 22. Februar, Sommer an S. Urbans Tag (250, 6), also am 25. Mai, Herbst am Tage S. Timotheus (250, 12), also am 22. Angus^, Winter am Tage Papst Glementis (250, 16), also am 23. November. Auch in der Meinauer Natorlehre S. 6 und 7 werden die Anfänge des Lenzes, Sommers und Winter» ebenso angegeben, der des Herbstes an S. Bartholomsei (24. August), und nach dem Na- menbnche des Elsässer Conrad von Dankrotzheim (Strobel Beiträge) beginnt der Sommer mitUrban (S. 113), der Herbst mit Simphorian und Timotheus (S. 117', der Winter mit Gficilia und Clemens (S. 121). Diese Angaben weichen nur wenig von denen des Isido- rus de natura rerum cap. 7, §.5 ab, wonach am 22. Februar, 24. Mai, 23. August und 24. oder 25. November die Jahreszeiten beginnen, vgL Piper Karls des» Großen Kalendarium, Berlin 1858, S. 38 f. und Kaiendarien und Martyrologien der Angelsachsen, Berlin 1862, S. 84 f. Aber 89, 42 nennt Hugo den November den drillen Herbstmonat.
**) Die fünfzehn Zweige sind einzeln bis auf den vierten, welcher fehlt, au%ezählt.
***) In Strickers Frauenehre V. 1174 fiF, soll jede rechte Frau ein Tugendbanm sein, ihr Leib sein Stamm, seine Äste: State, Zucht, Scham, Treue, Minne, seine Blüten und Obst ihre Gunstbezeigungen. Vgl. auch den von Gliers bei von der Hagen Minnesinger I, 106«».
f ) Die genannten biblischen Personen werden von den altdeutschen Dichtem oft angeführt, nur der schnelle Asael (2 Samuel 2, 18) kommt seltener vor, z. B. von der Hagen MS. H, 382*" (Azahel), HI, 355* (Asahel).
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. 33
kenne ich nicht, Hugo sagt 257, 82: als mich diu schrift i^vtset. Man ißt diese Himmelsspeisen stets mit Hunger und ist doch stets satt, 257, 94. Sie sind jedem feil, nur muß, wer sie kaufen will, hier auf Erden mit drei Feinden ringen: dem Leib, der Welt und dem Teufel, 257, 107 — 258, 100, vgl. schon oben 234, 87 nach Compendium VII, 29. Die fünfzehn Gerichte sind :
!• Rahe nach Arbeit 258, 101; 9. leideoloses Leben 268, 95;
3. die neue Freude 260, 1; 10. vollkommene Genüge 269, 110;
3. die ewige Seligkeit 261, 87; 11. Friede 2 71, 7;
4. stete Gesundheit 262, 53; 12. erleuchtete Frkenntniss 27 2, 25 ;
5. ewige Jugend 268, 68; 13. Ehre 278, 89;
6. das Anschauen Gottes 265, 5; 14. furchtlose Sicherheit 27 5, 1;
7. Freiheit 266, 28; 15. Freude ohne Trauer 27 6, 71.
8. Schönheit 26 7, 41;
Über diese einzelnen Begriffe verbreitet sich Hugo in seiner Weise mehr oder weniger ausfuhrlich. An einigen Stellen hat er das Com- pendium benützt. Die Schilderung des Neides der Verdammten 260, 57 ff. ist nach Compendium VII, 22 ; die Eintheilung des menschlichen Lebens in sechs Alter: infancia, puericia, adolesccntia , Juventus, se- nectas, decrepitas 263, 99 ff. findet sich auch im Compendium U, 10*); die Angaben über das Empyreum 273, 5 können nach Compendium II, 3 und 4 sein; die Beschreibung der Höllenstrafen 275| 100 — 276, 54 ist nach Compendium VH, 22. Citiert werden Anseimus 262, 34; 267, 83; Augustinus 265, 33; 273, 55; Gregorius 270, 71.
Zu den fünfzehn Gerichten kommen aber noch fünfzehn Beigerichte (278 , 3 — 282 , 62) , die in Gruppen von je drei aufgezählt werden ; vgl. 280, 41 — 281 , 15. Drei Freuden gewährt nämlich dem Seligen das Anschauen der Gottheit, drei der Himmel, drei die himmlische GeseUschaft, drei die Hölle, drei die Welt. Das heißt: sie freuen sich über das Anschauen Gottes in seiner eigenen Person 278, 19, über das Anschauen der menschlichen Person Christi 278, 79, über das An- schauen der Dreieinigkeit 278, 93; femer freuen sie sich über des Him- mels Klarheit 279, 19, Reinheit 279, 34 und Weite 279, 45, sodann über die Menge 279, 71, die Edelkeit 279, 96 und die Freundschaft der himmlischen Gesellschaft 280, 14; weiter freuen sie sich, daß sie von der Hölle erlöst sind 280, 51, daß sie ihre irdischen Feinde in der Hölle wehklagen hören 280, 68 und daß die Sünden in der Hölle ver- schlossen sind 280, 99; endlich freuen sie sich, daß sie vom Unge-
7
*) IsidoniB origg. XI, 2 hat auch sechs Alter, nennt sie aber infantia, paeritia adolescentia, juventnsy gravitas, senectns. Vgl. Gödeke Pamphilns Gengenbach S. 568. GRRMANIA Vlil. 3
34 HEmnOLD KÖHLEK.
mach der Welt erlost sind 281, 19, daß sie aus dem Meer der Sauden sich gerettet 281, 37*) und daß sie ihre Feinde besiegt haben 281, 95. Dieß sind die fünfzehn Beigerichte. Woher Hugo sie hat, weiß ich nicht. 'Als ich si hau gelesen* sagt er 278, 16 und 'als wir ge- schriben vinden' 279, 12. 278, 48 wird Augustinus, 282, 46 Grego- rius citiert. 280, 92 lesen wir: ez stät also geschriben in lattnsckir spräche: der rehte frowet sich der räche die er an vlenden schowet u. s. w.
vra.
Zum Schluß preist nun Hugo 282, 103 ff. die Heiligkeit und Wunderkrafb des Grabes der Martina zu Rom, und dann erzählt er 284, 91 ff. , wie endlich auch Martina in Deutschland bekannt und er zu dem Gedicht veranlaßt wurde , wie wir bereifs im Beginne dieser Abhandlung erörtert haben. Dabei findet er 285, 6 ff. Gelegen- heit, der sieben Alter der Welt zu gedenken. Das erste gieng von Adam bis Noey das zweite bis Abraham ^ das dritte bis Moses ^ das vierte bis David, das fünfte bis zur Gefangenschaft in Babylon j das sechste bis Christus, in dem siebenten und letzten leben wir. Meist werden nur «ec/w Weltalter angenommen, vgl. Massmann zur Kaiserchronik HI, 353 ff., doch kommen auch die sieben wie bei Hugo vor, so z^ B. im Sachsen- spiegel (I, 3, §.1) und im Schwabenspiegel (Cap. 5.) 286, 37 ff. findet Hugo femer Anlaß, kurz der wunderkräftigen Auffindung der Gebeine des A. Stephan, des Fürsten der Märtyrer, zu gedenken (vgl. Jacobus de Voragine legenda aurea, cap. 112: de inventione S. Stephani proto- martiris) und ausführlicher 286, 100 ff. der Siebenschläfer **).
Und hiemit sind auch wir mit unserer Aufgabe zu Ende. Wir haben für den erzählenden Theil und für die meisten der größern didak- tischen Episoden die Quellen nachgewiesen. Die nachgewiesene latei- nische Legende, die Schrift des Papstes Innoceniius de contemptu mundi sive demiseria humance conditionis und das Compendium theologicceveritatis sind die Hauptquellen für Hugo gewesen.
Ich gebe noch zum Schluß ein alphabetisches Verzeichniss der von Hugo in seinem Gedicht citierten Schriftsteller, mit Ausschluß der Citate biblischer Bücher.
*) Die Wellen sind die Sünden, das Schiff ist die Conscientia, der Schiffniann die Bescheidenheit, die Ruder die fünf Sinne, der Hafen der Himmel. In einer deutschen Predigt (Roth S. 30) ist auch das Meer die Welt, der Hafen das Himmeh-eich, das Schiff aber, das in den Hafen gelangt, ist das Kreuz.
**) Sie heißen 287, 26 Maximtu, MalchuSj Dio^ysius, Johannes, Serapion, Marti' nianua, Conatanua. Statt Maximus und Constanus wird Mjximianus und Constaniinus mit den meisten andern Uberliefenmgen zu lesen sein.
QUELLENNACHWEISE ZU HUGO'S VON LANGENSTEIN MARTINA. .'^5
Anshelin 254, 63. 262, 34. 267, 83.
Aristoteles 106, 92.
Augustinus 16, 39. 20, 99. 107. 48, 98. 74, 102. 87, 4. 106, lOS. 246, 24. 253, 72. 256, 43. 74. 257, 10. 62. 265, 33. 27:5, 55. 278, 48.
Basilius 211, 20.
Beda 16, 5.
Bernhart 16, 15. 79. 19, 45. 23, 2. 24, 89. 28, 41. 84. 49, 6. 256, 102.
Dionysius 242, 42. 83.
Gregorius 19, 61. 47, 11. 195, 18. 241, 72. 91. 242, 16. 69. 77. 270, 71. 282, 46.
Heime, Heimelin 188, 9. 191, 65. 194, 77.
Hieronymus 45, 14. 189, 33.
Isidorus 16, 96. 51, 90. 242, 1.
Johannes Damascenus 239, 64.
[Pblamigrofus. 92, 40 Damit er phlamigro/us. Es ist zu lesen Davit der psalmigrafutf. Keller aber hat Phlaniigrofus in das Register aufgenommen.]
Prosper 20, 92.
Richart 202, 75. 203, 61.
Seneca 21, 67. 26, 49. 45, 55. 47, 52.
Tullius 47, 39.
Manche dieser Citate finden sich in Theilen des Gedichtes, denen das Compendium zu Grunde liegt, und sind dann dem letzteren ent- nommen. Andere finden sich in Theilen, für die ich die Quelle nicht nachzuweisen vermochte *).
WEIMAR, August 1862. REINHOLD KÖHLER.
*) Textverbeaaerungen zur Martina, Man lese 1,13 entsebe — 6, 5G diu umneiiic
— 6, 66 ane wanc — 7, 45 lan — 9, 3 Als vil — 9, 4 Daz muoz — 9, 85 disen — 10, 24 gougilsack — 12, 59 da mit iuwer — 14, 44 ervalt — 15, 7 tunst — 15, 8 kunst — 15, 18 wil — 22, 59 ernst — 50, 56 Daz — 56, 53 We uns (vgl. le- genda cap. 11: vae nobis peccatoribus) — 72, 94 Daz — 92, 40 Davit der psalmigrafus (das folgende ist Übersetzung von Psalm 95, 5) — 109, 37 ricner — 111, 6 Minen — 114, 41 Het ir - 115, 4 ir ort — 117, 28 Emestlich dinc (vgl. Inuocenz I, 1 : negUgit seria) — 1J8, 6 danne er lazzir — 118, 30 beschert — 118, 89 Und muost och — 119, 1 Wez — 119, 13 wider wir doch — 119, 48 ist ir — 119, 76 Niht wan von sage — 121, 58 Von ir muoter — 121, 76 Der — 124, 32 loube (vgl. Innocenz I, 9: Hoc est folinm, quod a vento rapitur) — 129, 14 Unlieblich er in g^uezit (vgl. Inno- cenz I, 16 : Indignatur, murmnrat, imprecatnr) — 135, 27 Noch sin nase — 135, 44 fremde
— 135, 69 Der iungste tac der erste ist (vgL Innocenz I, 24: ultinms dies primus) — 136, 96 ir ende — 136, 103 erblendct — 137, 63 Eumenius oder Limenius, welche vev-
3*
36 KARL BARTSCH
KLEINE MITTHEILÜNGEN
VON
KARL BARTSCH.
1. HERR WILHSLl VON HEINZENBURQ.
Unter dem Namen dieses Dichters enthält die Pariser Lieder- handschrift (C) 15 Strophen (Hagen 1, 304—305), von welchen auch die Weingartner (B) demselben Dichter 7 gibt (C. 1. 2. 4. 5. 6. 7. 8), während die Heidelberger (A) C 12 — 15 unter Wachsmuts von Kun- zingen Namen enthält. Den Dichter urkundlich nachzuweisen ist bis jetzt nicht gelungen; auch ich vermag einen Wilhelm von Heinzenburg nicht aufzufinden, wohl aber mehrere Wilhelme von Heinzenberg. Die Geschichte dieses Geschlechtes mit urkundlichen Belegen gibt J. A. Grüsner in den 'Acta academiae Theodoro-Palatinaß' (Mannheimii 1778. 4^- 4, 402 — 473). Das Stammhaus der Herren von Heinzenberg lag an der Simmerbach , die unterhalb des alten wildgräflichen Schlosses Dann sich in die Nahe ergießt, auf einem ziemlich hohen Hügel nicht weit von dem Schlosse Dann. Es scheint schon im 12. Jahrhundert gestanden zu haben und wurde unter dem Erzbischof Baldewin von Trier (f 1354) zerstört, mit welchem die Herren von Heinzenberg im Fehde lagen (a. a. O. 407). Zuerst begegnet ein Wilhelmus de Heinzen-
schiedenen Personen auch 181, 40 und 97 verwecJiselt sind^ — 151| 22 Die nieman mac erfüllen — 154, 10 Und dir i-eht gelichet — 157, 7 diner — 173, 96 sweif — 176, 95 Ich — 187, 16 Wirt — 191, 102 Mit valschir lere letze, vgl. 188, 46 — 191, 110 Und heizit danne, vgl. 188, 56 — 92, 29 Haben an im in alle wis — 39 gebirge — 193, 37 Die tievil — 55 zeichen — 94 mit erclepfen — 194, 51 mit dem vierden — 84 smal
— 195, 50 vbet — 197, 3 den verwisten, vgl. 144, 39 - 39 Des Cristes geloubin | Und lant sich niht betoubin — 62 Der fiuro wirt noch mere — 99 Daz ez — 198, 2 Der erde — 199. 35 underscheit — 201, 8 der seheppfer -— 203, 21 Da von ist daz gerihte niht wol | Vollekomen als ez sol — 203, 25 wir— 206,73 Ir— 207, 5 vier schar
— 207, 48 vberlut — 207, 49 vnbemischet (?) — 208, 83 Als ist och — 91 ich also — 210, 45 ober — 211, 45 vier — 219, 98 erste — 226, 88 versaget ~ 229, 44 lebten
— 50 Ritorius (?) — 1 1 1 ven^'undet — 234, 53 Die ersten sache ich tiute — 235, 20 In fröm- den herzen elliu zit, vgl. 234, 112 - 235,52 lasen - 236,68 Werden — 70 ir fleisch — 71 Gen dem — 81 ir — 84 Den — 111 Wan— 239, 25 Damach der mertrer presse — 239, 65 daz der engel — 243, 18 ierarchia — 255, 56 Romschem riche nnwiderspenic — 256, 74 vleische — 258, 92 widerpart (vgl. mhd. Wb. 2, 467) — 261, 57 zimge schaden tuet -261,58muot — 262,112 Hernach — 264, 35 decrepitas — 271, 12 fride — 273, 106 nihtezzen — 274,37 Er tempert — 274,84 Der hohen ere— 275, 56 Beidiu ebenhoch und mangen — 277, 11 Diz — 280, 94 sich der räche — 280, 102 Daz si — 281, 96 Die ir gerne — 287, 21 Allez ir guot — 287, 69 sterkir — 289, 4 Sin.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 37
berg als Zeuge einer Urkunde vom Jahre 1215, in welcher Wildgraf Conrad U. einen gewissen Cuno mit der Vogtei zu Simmem belehnt. Da er hier unter den ^pares curiae' erscheint, so ist zu vermuthen, daß er damals bereits im gereiften Alter gestanden, und der in einer Ur- kunde von 1232 vorkommende Wilhelmus miles de Henzimberch sein Sohn sei. Außer diesem Wilhelm (II) hatte jener Wilhelm (!) noch einen zweiten Sohn, und dieser wiederum zwei Söhne Johann (11) und Joinbart (I). Wilhelm 11 hatte ebenfalls zwei Sohne, Wilhelm (III) und Johannes ; ersterer kommt allein in Urkunden von 1263 und 1274, mit seinem Bruder zugleich, jedoch ohne Bezeichnung, daß sie Brüder seien, 1265 vor, indem es nur heißt ^interfuerunt Wylhelmus et Johannes domini de Hentzenberg.' Auch in einer Urkunde von 1267, wo sie nur durch Anfangsbuchstaben bezeichnet sind (domini de Hencenberc. W. et Ja.), ist nicht gesagt, daß sie Brüder waren. Dagegen bezeichnet eine Urkunde von 1270 sie als 'V. et Ja. fratres de Heinzenberg,' und mit vollständig ausgeschriebenen Namen beginnt eine von 1238 'Nos Wilhelmus et Johannes fratres domini de Henzenberg,' und in einer andern von 1283 heißt es 'a viris nobilibus domino Wilhelme et Jo- banne fratre suo dominis ibidem' (nämlich in dem 'castrum de Heyn- zemberch'). Diese Urkunde ist zugleich die jüngste, in welcher Wil- helm III vorkommt; eine zwei Jahre ältere von 1281, die ihn zugleich mit seinem Bruder aufführt, ist a. a. O. S. 431 -—433 abgedruckt Wil- helm scheint entweder unvermählt oder doch kinderlos vor seinem Bruder (um 1281) gestorben zu sein; 1285 begegnet Johannes allein in einem Schiedsrichterspruch zwischen ihm und dem Kloster Ravengiersburg (a. a. O. S. 434). Später begegnet kein Wilhelm unter den Heinzen- bergem, welche am Ende des 14. Jahrhunderts ausstarben.
Daß der Dichter, welchen die Handschriften Wilhelm von Heinzen- burg nennen, dem Geschlechte der Heinzenberger angehört, also einer der drei urkundlich nachgewiesenen Wilhelme ist, ergibt sich aus der Über- einstimmung der Wappen. Das Wappen der Heinzenberger besteht aus einer einfachen Wolfsangel, wie sie auch, jedoch mit kleinen Abweichun- gen, die Wild- und Rheingräflichen Vasallen, die Freiherm von Schmid- burg führen. Ein Siegel mit der Umschrift 'Wilhelmi de Heynzenberc' ist a. a, O. S. 346 abgebildet, mit folgendem Wappen:
38 KAUL R AUTSCH
Das Wappen der Pariser Handschrill beschreibt v. d. Hagen 14,238) folgendermaßen : 'in hellbhiuem Felde ein viereckiger mit der Spitze aufwärts gekehrter goldener Kahmen, innerhalb dessen wagereeht eine goldene Linie oder Speerspitze mit zwei Widerhaken, an spitz auslaufen*- dem Stiele mit einer dreieckigen Fläche an jeder Seite, ähnlich der Be- fiederung eines Pfeiles.' Und damit stimmt im Wesentlichen die Wein- gartner Liederhandschrift (PfciflFer S. 132), so daß mir nicht zweifelhaft ist, es seien beider Handschriften Darstellungen mit dem oben gegebenen Wappen identisch.
Da man die W^ahl hat, zwischen drei Wilhelmen, die alle dem dreizehnten Jahrhundert angehören, zu entscheiden, so kommt haupt- sächlich die Art und W^eise seiner Lieder in Betracht. Was die Keime l)etrifl\;, so finden wir mehrere Ungenauigkeiten , wie B 2, 2 tage: klage: sagen^ wo C durch tagen : klagen : sagen zu glätten sucht ; wahrscheinlich auch kleine : vteineu C 3, welche Strophe in B fehlt und wo C schreibt kleinen : meinen. Die mehrfach vorkommenden einzelnen Strophen , von denen jede besondern Ton hat, oder nur zwei derselben, würden auf eine ältere Zeit deuten, und jenen ersten Wilhelm (um 1216) als den Dichter vermuthen lassen, wenn nicht ein paar andere Reime gegen solches Alter sprächen; es werden nämlich komm: benomen B 1, C 1, und getete : bete^ site : bite B 7, C 8 an Versstellen gebraucht, wo in den entsprechenden Strophen klingende Reime stehen. Nimmt man nicht an , daß das Reimgeschlecht hier wechsle , was allerdings , zumal bei einigen älteren Dichtern, wenn auch selten vorkommt *), so wird wahr- scheinlich, daß der Dichter kommen : benommen^ getette: bette (J)etteh(ii B), Sitte : bitte (so schreiben beide Handschriften) gesprochen habe. Und dieser Gebrauch ursprünglich stumpfer zweisilbiger Reime als klin- gender, der mit dem Verluste des Gefühles für die Quantität zusam- menhängt, bei einem oberdeutschen Dichter (denn bei mittel- und nieder- deutschen begegnet er viel früher) weist auf das Ende des 13. Jahr- hunderts hin; ich bin daher geneigt, den von 1263 — 1281 vorkommen- den Wilhelm III von Heinzenberg für unsern Dichter zu halten.
2. m SPIEL m DEN SIEBEN FARBEN.
Die dramatische Behandlung dieses Stoßes bei Keller, Fastnachts- spiele S. 774 — 781 5 beruht auf dem bekannten Gedichte, welches in Lassbergs Liedersaal 1, 153 — 158 und in Myllers Sammlung, Frag- mente S. XXVI — XXVIII gedruckt ist. W^ir haben hier also zu dem
*; Auch C 7. 8 B 6. 7 findet solcher Wechsel statt, indem in der ersten Strophe in'hfi : hrlihr^ in dor zwoitcn in : hin reimt; vpl. Gormnnia 2, 288.
KLEINE MITTllEILUNGEN. 39
in dieser Zeitschrift 7, 36 gesagten einen neuen Beleg aus jüngerer Zeit, daß ein Gedicht in Reimpaaren zu einem Spiele verarbeitet wurde. Das Spiel beginnt mit einer Rede des Ausrufers (1—18), der natürlich nichts mit dem alten Gedichte zu thun hat. Dann sprechen die einzelnen Farben, unterbrochen durch die Antworten der Frau Sunnreich, die dieselbe Rolle spielt wie im Gedichte die mit dem Dichter sich unter- haltende Frau {mich fragt ein frowe minneclich V. 1) woraus vielleicht Frau Sunnreich zu erklären ist, indem die Handschrift des Gedichtes gelesen haben kann ein frowe sinne rieh , während im Gedichte dem Dichter in den Mund gelegt ist, was die Farben sprechen. Die Ent- lehnung zeigt sich gleich nach den beiden ersten Zeilen, die die grüne Farbe spricht (774, 20. 21), in dem V. 37-44 (Myller) folgendermaßen in 374, 22—29 benutzt ist:
ich sprach grüne ist ein anevanc ^). grüne varb ist ein anefank.
den herzeliep noch nie botwanc faerzlieb mich nie pezwank
TOD minne ') noch von frouwen, von minne noch von Trauen,
den sol man grfiene schouwen. also schol man mich schauen,
diu varwe kQndet daz er st die varb kflndet das ich da pei
alles berzeliebes frt bin liebe unde minne frei
und niht ze herzen habe geleit und nit zu herzen han gelait
kein liep: dft von er grücne treit. von frauen maidcn lieb noch lait.
Die Antwort der Frau Sunnreich (775, J-9) ist hinzugedichtet. In der Rede der rothen Farbe (775, 11—20) sind von dem Gedichte die Verse 47 — 53 benutzt, aber nur die ersten Zeilen getreu, die andern umgearbeitet. 775, 22 — 25 hat der Dichter des Spiels hinzugefügt, aber gleich der Anfang der Rede der Frau im Gedichte 55—60 ist in 775, 26-33 verarbeitet (dazwischen nur 775, 30. 31 selbständig), der Rest der Rede dagegen 61 — 70 Myller nicht benutzt, dafür stehen nur zwei Zeilen 775, 34. 776, 1. Über die blaue Farbe hat das Gedicht nur zwei Verse (71. 72), die der Dichter spricht; sie sind 776, 3. 4 verwendet, doch außerdem noch 10 hinzugedichtet (776, 5 — 14). Die Antwort der Frau (73—90) ist beinahe wörtlich benutzt (776, 16—33); nur sind die Verse 83 — 86 und 87 — 90 in ihrer Stellung vertauscht; dann sind noch vier Zeilen hinzugesetzt (776, 34— 777, 1), die im Gedichte nichts ent- sprechendes haben. Abweichend in der Reihenfolge kommt nun im Spiele die schwarze Farbe, für welche die Verse 43— J57 ziemlich getreu benutzt sind (777, 5—17); nur ein Reimpaar, das auch Laßbergs Text nicht hat*) (151. 152), ist ausgelassen, dagegen vorn ein Reimpaar
') Vgl. Suchensin in lueitien Meistcrliedern aus der Kohuarer llaudschrift 174, 18 grüen Ut der ztt ein anevanc. — ^) mine L, mannen M.
*) Mit Laßbergs Texte stimmt auch genauer 777, 15—17 als mit Myllers; vgl. 115-117 L.
40
KAUL BARTSCH
hinzugefügt (777, 3. 4), so wie hinten eine Schlußzeile (777, 18). Was darauf Frau Sunnreich erwidert (777 , 20 — 778 , 3) , ist bis auf die beiden Anfangs- und beiden Scblußzeilen aus dem Gedichte (159—174) entlehnt; auch hier zeigt sich an einzelnen Stellen näherer Anschluß an Laßb. Text, so 777, 28—29 = L. 131. 132, vgl. dagegen M. 165. 166; 777, 34. 35 == L. 123. 124, vgl. M. 171. 172; dagegen ist die Reihen- folge der Verse wie bei M. , und auch die Verse, die bei L. fehlen, gibt das Spiel wieder (161. 162 M). Dann folgt die weiße Farbe, die im Gedichte gleich nach der blauen kommt; im Gedichte nur drei Verse (95 — 97), von denen 95. 96 zu 778, 7. 8 benutzt wird; hinzu- gesetzt sind 778, 5. 6. 9—12. Die Antwort darauf 778, 14 — 779, 11, ist ganz treu wiedergegeben nach V. 98 — 131, nur daß 99 — 102 aus- gelassen sind und am Schlüsse eine andere Reimzeile eingefügt ist. Was der Dichter über die gelbe Farbe sagt (183—190), ist in 779, 13—22 zum Theil benutzt: zwei Zeilen bat der Dichter des Spiels vorn und vier hinten hinzugethan; ich vermuthe, daß seinem Texte 187 — 190 fehlten, wie bei L. der Fall ist. Die vier ersten Zeilen der Antwort (779, 24—27) sind Zusatz, dagegen 779, 28 — 780, 11 aus dem Gedichte entlehnt (191—214):
siu sprach dem site bin ich gchaz ;
er solle wol verswtgen biiz,
swenne ein minneclichez wip
ir minnecitchcn zarten Ilp
ir diener glt für eigen.
daz Bolte er niemnn zeigen.
er solte ez in sfns herzen grünt
senken, daz cz nieman kunt
würde, man *) noch wibc,
Bwenn imc des glQckes schtbe
sd ebene giengu üf ssdlden ban:
daz solt er alters eine hän
so daz ez niemcr zeinre stunt
wQrdo keinem menschen kunt.
nu vindet man ouch manigen man,
der woltc niht ein licp bän
daz erz wiste alleine :
ez müest für die gemeine.
des wolt ein minner haben raon.
daz solt ein minner niemer tuen.
ein minner solt die minne faeln
reht als ein diep der wolle stein,
ez wtere ritter oder kneht:
daz was hie vor der minner reht.
wann dem siten trag ich haß es schol sein verschwigen paß, wann das minnigklich weip ir zarten stolzen leip irm diener geit für aigen. duz schol ir ') niemant zaigen, er scholt es in seins herzen grünt senken, das es niemant kunt wQrd, mannen noch weihen, wenn in glQckes Scheiben gieng eben auf dem selben plan, das scholt er alters allain han.
nu vindet man so manchen man, der lieb allain nit mag gehan. also was er scholt haben allain, das muß für di ganzen gemain. des wil der pulur haben rum. für war das solt kain puler thun,
das ie was vor zeitcn reht, er wer ritter oder kneht.
*) lies scholt er. ^) wurde weder manne.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 41
Die Verse 203. 204, 211. 212 fehlen auch bei Laßberg; doch ist die Folge der Verse sonst wie bei Myller. Vier Schlußzeilen (780, 12 — 15) sind hinzugedichtet. Was nun im Spiele noch über die braune Farbe folgt (780, 16 — 781, 12), ist Zusatz, denn das Gedicht spricht nur von sechs Farben. Ebenso ist natürlich die Rede des Ausschreiers am Schlüsse (781, 14 — 25) ein Zusatz. Aus den Zusätzen können wir un- gefähr die Zeit und Dichtungsart des Verfassers des Spieles beurtheilen. Die Reime weiß : preis 774, 9; spricht : niht 13; ere : here 15; sit : nit 775, 3. 787, 8; bot : ndt 780, 19; wem (werden) : enpem 25; mag : sag 781, 6 sprechen deutlich genug für das 15. Jahrhundert.
3. MEISTER IBBECANG.
Das unter diesem Namen aus Laßbergs Liedersaal 2, 311 bekannte Gedicht, das Hagens Gesammtabenteuer 3, 87 und W. Wackemagels altdeutsches Lesebuch (4. Ausgabe) 959 ff. wiederholen, liegt dem Ge- dichte van den hanixcerken zu Grunde, welches Keller in den Fastnacht- spielen 1135—1138 aus Cod. germ. Monac. 713, Bl. 127 mittheilt. Dasselbe enthalten außerdem die Dresdner Handschrift 58** (Fast- nachtssp. 1331) und eine Hamburger (C. U. 218) S. 131 (Fastnachtssp. 1432). Diese Handschriften legen es Rosenplüt bei: hans der sweczer cod. germ. 713, Hanns Rosenplüt der Sweizer Dresd. , hanns Rofiner Hamb. Hs. Der Text, welchen Rosenplüt vor sich hatte, scheint ein vollständigerer und in der Anordnung verschiedener gewesen zu sein: letzteres konnte von Willkür des Bearbeiters herrühren, ersteres glaube ich mit Sicherheit behaupten zu können, indem eine Anzahl von Versen, die dem Laßbergischen Texte fehlen, schlechterdings nicht die Reimart und den Bau von rosenplütischen haben , dagegen wenn man von hier und da eingeschobenen Flickwörtern absieht , die den Vers verlängern sollen, die aber bei den entschieden echten Versen sich ebenso finden, in der Art und Weise des ursprünglichen Gedichtes sind. Dieses möchte dem Ende des 13. Jahrhundert oder dem Anfange des folgenden spä- testens angehören. Ich stelle zunächst die übereinstimmenden Verse einander gegenüber, woraus man am besten die verschiedene Anordnung sehen kann: Lallb.
|
5 |
Rosenpl. |
9. |
Laßb. |
61 — |
Rosenpl. 28. |
||
|
6 |
8. |
66. 67 — |
57. |
||||
|
26 |
— |
7. |
68 — 70 — |
58 — 60. |
|||
|
28 |
— |
2. |
76 |
vgl. 4 3. |
|||
|
31—34 |
n^mtm |
8- |
- 6. |
77. 78 |
50. 49. |
||
|
37. 38 |
|
11. |
12. |
84—86 = |
46. 48. 47. |
||
|
41—46 |
_^ |
13- |
-18. |
87 — 90 — |
77—80, |
42 KARL BARTSCH
Laßb. 91 = RoscnpL 40. Laßb. 105 — 110 = RosenpL 87 — 92.
98. 99 =5 82. 112 ssr 26.
101 = 86.
Der Schluß beider Texte (Laßb. 113—144, Rosenph 93— 152) ist ganz abweichend, und ich möchte bezweifeln, daß Rosenplüt hier noch das Gedicht von Meister Irregaug benutzt hat. Auch hebt bei Rosen- plüt 93 das Gedicht gewissermaßen neu an:
Nu hört ir frauen und ir man was ich eitler hantwerk kan. Doch auch in diesem letzten Stück ist die Reinheit der Reime abwei- chend von der gewöhnlichen Art Rosenplüts, so daß zu vermuthen steht, er habe hier ein zweites Gedicht verarbeitet und dem ersten ange- schweißt, mit dem es gar nichts im Inhalte zu thun hat. Die Verse von 93 an sind wesentlich abweichend von dem früheren Stücke, durch- gängig länger und überwiegend mit stumpfem Reime. — Für echt und einem Texte des Irregang entnommen, wenn auch bei Laßberg fehlend, halte ich bei Rosenplüt 19—25, die sich mit dem Laßbergischen Texte durch^nicht zu gewaltsame Änderung in Einklang bringen lassen. Ros. 18 ffewinnen und verlieren (— L. 46) bricht ab, ohne daß angegeben ist, was gewonnen und verloren wird; daher ist hier L. 47 fF. einzuschieben, bis 60, hier aber schließt sich Ros. 19 — 26 an:
so kan ich mich besachen 20 taschen gürtel machen,
satel und kocher schouwen.
ich kan vor schoenen frouwen
gebären vil gefüegc.
so kan ich haven und krüege 25 gar meisterlichen sliezen,
mit einem armbrust schiezen. Das Folgende aber lässt sich nicht vereinigen und deutet auf eine stärker abweichende Anordnung , die nicht von Rosenplüt herrührt , sondern sich schon in dem von ihm benutzten Texte fand. Die Verse selbst sind untadelhaft und können nicht von Rosenplüt herrühren. Sielassen sich ohne Mühe herstellen (27 — 42):
daz kan ich allez samet wol.
ich kan mit holze und mit kol (L. 61)
ein guotez viuwer machen. 30 so kan ich bröt bachen:
19 seht also. 20 ich kan auch wol t. vnd. 21 kao ich wol ach. 22 80 kan ich ▼. 8. hübschen. 28 vlljso. 26 so kan ich auß einem. 2S so kan ich mit. 29 gut f. wol. SO ich] ich auch ein gut.
KLEINE MlTTHEILUNüEN. +3
daz schiuze ich in mit miner bant. 8Ö kan ich aller leie gewant gar meisterlich bereiten, so kan ich sper leiten: 35 daz fuere ich in der .... 80 kan ich mit gezouwe guote vische vähen. so kan ich birze ergäben, so kan ich bem vellen, 40 so kan ich hörn erscbellen (L. 91), daz man daz beeret wlten. so kan ich wol striten; imd liier schließt sich L. 73—86 an, an der Stelle von R. 43—50, imd 51 — 56 sind i;viederum echt, fügen sich auch zu L. 86, wenn man nach R. schreibt:
nach hovelichen Sachen 48 eine vrouwen machen. 51 so kan ich kürsen naejen so kan ich würfe! draejen. so dunke ich mich also kluoc daz ich kan machen einen pfluoc 55 üz drier leie bolze.
so kan ich videren bolze. Hierauf folgen nun bei R. 57 — 60 die Worte bei L. 66—70; die bei L. vorhergehenden lassen sich an R. 56 anschließen , und so folgt dann hier 61 — 70 L. für R. 57 — 60; dann wiederum Verse, die bei L. fehlen (R. 61 — 74) und sich an L. 70 anschließen. . . .
60 einen ritt er gerwen (L. 70) unde schicken öf ein velt. ich slahe im zweier leie gelt: kumt er dann ungevohten bin, triwen guot ist sin gewin. 65 so kan ich zwein gesellen gewünschen und gesnellen
S8 maisterlichen wol. 84 ich auch ein. 35 in der- lüzleich; ich verstehe das Wort nicht: reimte vielleicht mouwe? 8 6 ich dan mit einem groben zeug; oder geziuge? 8 7 yisch wol v. 88 auch ein hierßen eryagen, 89 dan einen pern. 40 auch ein hörn. 41 hört also weith. 42 so gewann ich auch yn einem streit. 47 mit 48 ein schönes freülein. 58 so. 5 4 so kann ich ma- chen. 55 den mach ich auß. 56 einen poltz. 60 ich kan eyncn. 61 ich schick in auff. 64 trcOn gar gut.
44 KAKL BARTSCH
mit minem guoten rate.
60 kan ich mit eim dräte
guote scbuohe siuwen. 70 80 kan ich ouch briuwen
ein hier.
so kan ich Blähen einen stier,
daz vleisch gib ich .... hin:
so ist diu hüt min gewin. und hieran schließt sich L. 86 — 90 gut an, indem man schreibt:
drüz kan ich leder machen. (R. 76)
mit aller bände Sachen (L. 86) :
vertribe ich mine stunde. (L. 87. R. 77)
het ich wan zwene hunde, (L. 88. R. 78)
so trüwet ich mit sinnen (L. 90. R. 79)
einen hasen wol gewinnen. (L. 89. R. 80) Wie schon hier, so weicht auch im Folgenden R. von L. ab; L. 91 war in R. schon oben 40 vorgekommen, daher L. 91 — 98 hier fehlen ; aber auch wo beide Texte wieder stimmen (L. 99 ff.) , weisen sie auf verschiedene Redaction. Der Text in R- ist lesbarer als der in L. , denn L. 104. 105 hat keinen guten Zusammenhang mit dem Vorigen. Nach R. ist zu lesen:
und obe mich niht verdrüzze,
waer ich da ein wazzer flüzze,
da wolt ich nahen an ein stat
rihten zwei kamprat, 85 daz eine gröz^ daz ander klein.
so kan ich einen mülstein
meisterlichen billen. (L. 105)
ich kan ein hüs dillen: (L. 106)
het ez danne ein obedach, (L. 107) 90 so het ich drinne guot gemach (L. 108)
als ein fürste sitzen sol. (L. 109)
ich slahe pfenninge wol. (L. 110)
67 den gib ich gutten ratt. 68 einem. 60 schucb wol neuen. 70 auch ein pirprauen. 71 ich prew ein pier. 7 2 ich slah ein stier. 7 8 keine Lücke. 76 ich kan leder auß der haut machen. 7 7 also vortreib. 7 8 ich dan zwen schnei h. 7 9 yn allen meynen s. 80 rechtlich wol. 81 vnd wen mich des do n« 82 vnd wenn ich wer wa. 83 do selbst, an nahen ein. 84 vnd do hin r. z. mQl r. 85 ein mul groß. 86 auch einen. 87 gar m. 88 so k. i. auch ein. 90 darynnen. 91 als dan e. f. wol. 92 guidein die slug ich auch gar wol.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 45
Damit, wie schon bemerkt, hört die Übereinstimmung auf. Auf- fallend ist, daß auch Laßbergs Text von 113 an in Reim und Vers manche Abweichung von dem bisherigen zeigt, wie denn auch der Gedankengang von hier ab ein anderer wird. Ich bemerke zam : han 123; verboten : roten (sonst rotten) 115; hüs : üz 123, und den Versbau in 127 (wo der Reim in geacldrre : wirre zu bessern ist) und 136. Daher reichte auch wohl das Gedicht, welches Rosenplüt benutzte, nicht wei- ter als bis 112, und der Schluß ist von ihm hinzugedichtet, ebenso wie der Schluß des laßbergischen Textes jünger scheint.
Hier sei noch ein anderes Beispiel angeführt, auf welche Weise Rosenplüt idtere Gedichte benutzte und umarbeitete. Keller theilt in den Fastnachtspielen 1183 — 1185 unter Rosenplüts Namen aus dem Cod. germ. 713, Bl. 52, in München, einen 'Spruch von dem Pfenning* mit. Derselbe ist dem bekannten Gedichte entlehnt, welches in Myllers Samm- lung hinter dem Parzival S. 216 gedruckt steht. Auf die Ähnlichkeit beider Gedichte hat schon Keller S. 1185 aufmerksam gemacht. Unter Rosenplüts Namen ist diese Umarbeitung des altem Gedichtes zwar nicht überliefert ; doch ist es wahrscheinlich, daß sie ihm gehört, da sie in der Dresdner Hs. unter echten Sachen von ihm steht: sie trägt durch- aas seine Reimweise und Versart, so weit nicht eben das ältere Gedicht von ihm benutzt ist. Aus diesem ist entlehnt:
Myller 1 — 12 = Rosenpl. 1 — 12. Myller 61 = Rosenpl. 29. 32.
62 = Sl.
81. 82 = 48.
88. 84 = 47.
Alles übrige ist abweichend; einige Verse indess mögen schon in Rosenplüts Vorlage gestanden haben, und lassen sich leicht herstellen :
41. 42 swaz der künec niht enden mac, daz endet er üf einen tac. 49 er bloezet, er decket,
er fröwet, er 'erschrecket, der pfenninc gft freuden vil me dann allez selten spil.
Die beiden Zeilen 68—69 finden sich wörtlich in einer Priamel (Kellers gute alte Schwanke Nr. 26) wieder, und mögen leicht älter als beide Dichtungen sein.
|
1 — 12 = |
Rosenpl. |
1 — 12. |
|
43. 44 = |
19. 20. |
|
|
45 — 50 — |
18 — 18. |
|
|
51. 52 = |
21. 22. |
|
|
57 — 60 = |
25 — 2«, |
46 KARL BARTSCH
4. lU DEN BEiSPniBN DES STRIGKEKS.
Eine gereimte Weltchronik *) in der forstlich Wallersteinischeii Bibliothek zu Mayhiugen (Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts in Fol., mit Bildern), deren Anfang und Ende fehlt — sie beginnt mit Semiramis und schließt mit der Verurtheilung Jesu — hatj wo sie auf Daniel zu sprechen kommt, folgende Stelle:
Dar nach der künec wolt hochzit hän:
daz wart witen kunt getan.
er hiez den spilliuten sagen,
er wolte niwiu kleider tragen 5 und wolt diu alten hingeben.
si begunden alle dar nach streben
die der alten kleider wolten gem.
die begunde man alle dö gewem.
dar zuo hiez er den herren sagen, 10 swer niwiu kleider wolte tragen,
der schölte s!u geselle sin:
dem tast er aber triwe schin.
dö kam ir dar ein michel teil:
daz wart der spilliute heil. 15 do fuorn si in der freuden schar,
wan in wart da gegeben gar,
wan der herren was so vil.
si machten freude unde spil
dem künige da ze eren. 20 sin lop si wolten meren.
da wart ein groziu Wirtschaft,
spise und wln was dvL diu kraft,
daz sin der arme geliche
het als vil sam der riche. Die ersten zwölf Zeilen sind ein wörtliches Plagiat von einem Beispiele des Strickers, welches bei Wackernagel, altdeutsches Lese- buch (2. Ausg.) Sp. 567, gedruckt ist. Nur langt es an: 'JEi'n herre wolte ein /iochzit hän.* Der Plagiator hat das ganze Beispiel bis zu dem Punkte aufgenommen, wo die Moral beginnt. Der Nachweis ist lehrreich, um zu zeigen, wie die Reimchronisten nicht nur Stoffliches, was unmittel- bar zu ihrer Erzählung gehörte, aus andern Gedichten entlehnten (wie
*) Ich vermuthe, daß es Enenkels noch nngccLrucktes Werk ist. 1 hochzeit wolt. 2 tan. 15 da.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 47
Marias Leben aus Philipp), sondern auch zu ferner liegenden Dich- tangen griffen. Er ist zugleich ein Beleg fiir die Verbreitung, welche die Beispiele des Strickers in seiner Heimat fanden.
6. eiossiN m rOiiKL-, ms- und baumnaien.
Die bekannten lateinischen Verse, welche mit althochdeutschen Glossen in den altdeutschen Blättern 1, 348 nach einer Straßburger Handschrift des 12. Jahrhunderts, und ebenda 2, 213 nach einer Wiener des eilften (vgl. Hoffmanns Verzeichniss Nr. 390 , S. 369) gedruckt sind *), finden sich auch in einer Pergamenthandschrifl in Fol. auf der furstl. Wallerstein'schen Bibliothek in Mayhingen am Schlüsse des Vocabulum biblie mammotrectus.' Die Handschrift gehört dem 13. Jahr- hundert an, und dem entsprechend sind auch die ahd. Sprachformen zum großen Theil abgeschwächt. Der Anfang lautet: ( ) ic volucres celi referä sermone fideli: habich sperw^ valke storch speht Accipiter nisus capus atque ciconia picus, aglest* grvn^speht Mvs^ wannen wehil
Pica merops larus atque loaficus ibis. Die übrigen führe ich ohne die lateinischen Verse, deren Reihen- folge von der Straßburger Hs. hin und wieder abweicht, an. regir. tuTtütvbe* hvwe. dalle. gir, aarin, kvneglhu witewaL odibere (der bekannte Name des Storchs, der aber an dieser Stelle in den andern Hand- schriften nicht steht), tobe* holztvbe. rappe. crcu witehophe. 9nephe. rephin. nie. vinke, nahtrappe* amer. distämnke. wie. meUe, hoztvbel (so!), gans* heher. elbiz. idem (d. h. olor), siar, amsiUen, tvcher. brachvogü. wahtila. droschila. faaan, vrhv'n. cranich, sisgom. phowe. ant. stokar. gauch, ignota (über fulica). psitich, heyme. isvogiL rotiU zwislvfphel (ein noch nicht bekannter Name für sepicecula^ was die Andern durch listeia oder U- siera verdeutschen), warkeligel (so !). 'nfclu domdregil, hagilgana. birkhv''n, hasilgans. struz, fledermus, swalwe. merle, nahiigaL lerche. glime. grase- tnvgge. wazzerstelza. spare, — lewe. panthir. tigirihir, lebart, einhvme. eemHnp qtddam dieunt olbente. helfanU vrolise, vnsent eich, lebart. hinden- kalp. rechgeiz, steinboc, affin, merkatze. Ivlise. wolf, Iiase, fvlise, vohe, dalise, tnardir, härme, otter. biber, zobiL mus, wiseL ratte, cisimus, ütis, wantlus, — vicbaum, lorbaum, mirtilbavm. phirsichbaum, phlumbaum, kirsbaum, affalter, kriechbavm, nvzbaum, tonne, varelia, kien. birbaum. sperweWaum.
*) Andere Handschriften führt Graff althochd. Sprachschatz 1, S. LXXI an. Eine Admonter des 12. Jahrh. erwähnt Pertz' Archiv 6, 170. Die lateinischen Verse allein finden sich auch in einer Baseler Papierhandschrift in Fol. (A. V. 33) vgl. HSnel S. 537.
48 KARL. BARTSCH
ahofn. birke, buhslaum. eiclie. idB (über ilex)^ aschbaum, linde. bu*ch, melbaum. olbaum, wida (darüber elenbaun»), mazalier. arlzbaum. hasil. hogebu'ch, limbav* a»pe. liagen. dorn, winbav (statt iwinbawn). erla. widin, salhe, winrebin. holdir. idem (über aambucus). wechcdter. hießn, cvtenbaum, mulbaum, idem (über sicomorus), arabie arbor aroniatica (über storax). scimina (so über iurbisce), ephritne (über miricd). hartrugelin, alber. palm- bäum, spinnelbaum'. sevenbaum. nespelbaum. mandelbaum. kestenbaum, zvnder.
6. DSÜTSCHK RANDSCHRIFTBN IN lAMNÜEN.
Ein kurzer Aufenthalt in Mayhingen, wo sich die fürstlich Waller- steinische Bibliothek befindet, veranlasste mich, die dortigen Hand- schriften näher anzusehen. Die historisch bedeutenden Ilandschriften hat für den Zweck der Sammlung deutscher Städte- Chroniken Dr. V. Kern in Nürnberg untersucht und über sie in der historischen Zeitschrift von Sybel Nachricht gegeben. Ich lasse hier ein Ver- zeichniss der für deutsche Sprache und Literatur bemerkenswerthen Handschriften folgen. Die Handschriften sind nicht numeriert; in ein paar Schränken auf der den Fenstern gegenüber liegenden Seite des Saales sind die Cimelien der Bibliothek aufbewahrt. Unter diesen stelle ich billig
1. die bekannte Handschrift des Nibelungenliedes und der Klagte voran, die von Lachmann mit a bezeichnet ist. Über sie hat v. d. Hagen in einem besondem Schriftchen gehandelt: 'Nibelungen. Wallcrsteiner Handschrift. Von F. H. v. d. Hagen. Berlin 1855. 8°,' welchem auch ein Facsimile beigegeben ist. Es ist ein Quartband des 15. Jahrhun- derts, 260 Bl. umfassend. Die Klage beginnt Bl. 191^ Wiewohl äußer- lich vollständig, fehlt der Hs. doch der Anfang des Nibelungenliedes, indem der Text nach einem prosaischen Eingange (bei Hagen S. 11) mit Str. 325 L. beginnt:
Es was gesezzenn ein chunigin vber See irnn geleich west mann nit mer
die was vnmassenn schönne vill michell was ir chraft Sy schos mit gleich gesiptenn degenn vmb ir minne denn ger si schos. Schluß der Klage:
ich euch hye nicht mer sag
wann disez haiszet dy klag etc.
Disez buch ist maist^ ian
des schol nymant irrgan
noch keinen zweifei han
got in nym^ schol Verlan
d* wusch im sta-t scv srctan. Amen.
KLEINE MITTHEILÜNGEN. 4Ö
Eine fast durchgängig befriedigende und genaue Collation mit C hat Frh. v. Lo£Pelholtz in ein Exemplar des Laßbergischen Abdruckes eingetragen, von der auch Holtzmann in seiner Ausgabe (Stuttgart 1857) Gebranch gemacht hat.
2. Pergamenthandschrift des 13. Jahrhunderts in Folio: Voeabu- lum biblie mammotreetus ; am Schlüsse die bekannten lateinischen Hexa- meter über Vogel-, Thier- und Baumnamen, mit althochdeutschen Glossen. Ich habe sie hier (s. oben S. 47) abdrucken lassen.
3. Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts, mit der interimistischen Nummer 24 bezeichnet: ein deutsches Rechtsbnch *).
4- Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts (Nr. 25): ebenfalls ein deutsches Rechtsbuch.
5. Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts in Folio: das Rechts- buch Ludwigs von Brandenburg.
6. Zwei Pergamentblätter (ein Doppelblatt) einer Handschrift des 14. Jahrhunderts, von einem Buchdeckel abgelöst, in Spalten geschrie- ben: Bruchstück aus Rudolfs Barlaam.
7. Papierhandschrift des 14. Jahrhunderts, mit Bildern: deutsches Fechtbuch.
8. Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts, in Folio, mit Bil- dern: Rudolfs Weltchronik, beginnend: Richter gotherre vber alle chraft Vgl. Maßmanns Kaiserchronik 3, 171 (Nr. 10).
9. Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts in Folio, mit Bil- dern: Rudolfs Weltchronik (nach Maßmann 3, 171, Nr. 11), am Anfang imd Ende unvollständig, beginnt mit Semiramis und schließt mit Jesu Verurtheilung. In keinem Falle Rudolfs ursprünglicher Text, sondern gemischt mit Enenkel und Bruder Philipp (vgl. Maßmann a. a. O.). Eine Stelle daraus, die wahrscheinlich Enenkels Antheil zugehört, habe ich oben S. 46 mitgetheilt.
10. Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts (J449) in Folio, mit Bildern, enthält:
a. Boners Edelstein. Der Anfang fehlt, der Schluß der ersten Fabel ist vorhanden, die zweite beginnt : Ainsmals kam ein off gerandt Im ganzen 80 Fabeln.
6. Diß puch haisset des tüfels segi, d. h. des Teufels Netz. Das- selbe Gedicht, dessen bis dahin einzig bekannte Handschrift in Donau- eschingen Fr. Pfeiffer (Germania 3, 21 — 23) erwähnt. Zur Verglei- chung theile ich den Anfang mit:
•) Diese so wie die beiden folgenden Handschi'iften hat Homeyer nicht ^kannt.
QERMANIA VIII. 4
50 KARL BARTSCH
Hört hört arm vnd reich Jung vnd alt alle geleich Ez sey weib oder man Ez gang mengklich an Gaistlich vnd weltlich Sie seiend arm oder reich Heren vnd frawen So werdent ir wunder schawen Wall ich wil hie ain warhait sagen Die dy weit tut billich clagen Die aim ainsidellen ist beschehen Die wil er got ze lob veriechen Vnd die weit warnen t"n Der ewiclich wolte kumen Ze frid vnd ze son Der sol diser 1er achten Vnd sie dick betrachten So wurt er hören ein warhait Wie der tufel die weit verlait Vnd wie er hat gemacht ain garn Da selten kainer mag durchfarn Er behäng etwa jn Er habe denne gar weysen sin
u. s. w. Das Gedicht wird Dr. Barack demnächst herausgeben.
c. von Sibilla weyssagung : Got waz ye vnd ist ymer. Das be- kannte, in vielen Handschriften erhaltene Gedicht.
Von den auf Kepositorien zwischen den Fenstern aufgestellten Handschriften bemerke ich, zwischen dem zweiten und dritten Fenster:
11. Papierhandschrift vom Jahre 1466 in Folio: zwischen deutscher Prosa finden sich 14 Blätter einer Reimchronik, die Jesu Geburt und Kindheit behandeln; vielleicht Enenkel?
12. Papierhandschrift des 14. Jahrhunderts (in der dritten Reihe von oben das dritte Buch rechts): gereimte Gebete in mitteldeutscher Mundart. Zu den Falzen ist eine deutsche Pergamenthandschrift des 14. Jährhunderts (Prosa) verwendet.
Zwischen dem dritten und vierten Fenster:
13. Papierhandschrift des 15. Jahrhundei-ts (das letzte Buch der dritten Reihe von oben): Lichtenauers Fechtkunst.
KLEINE MITTHEILUNGEN. 5I
14. Papierhandschrift des 14. Jahrhunderts (das erste Buch links in der vierten Reihe, in rothem Bande): prosaische Weltchronik, Auf- lösung der Rudolfischen Weltchronik (vgl. Maßmann 3, 49. 51 fi*., der diese Handschrift nicht gekannt hat). Anfang: Do got in t einer ^nagenkraft 9webt vü alle ding in seiner Weisheit het n. s. w.
Zvrischen dem vierten und fünften Fenster:
15. Papierhandschrift des 16. Jahrhunderts (dritte Reihe von oben): deutsches Fechtbuch mit Bildern.
Unter den Cimelien befindet sich auch das Blatt aus Notkers Psalmenübersetzung, welches Hattemer 2, 532 — 534 hat abdrucken lassen.
Ich schließe noch ein paar romanische Handschriften hier an. Unter den Cimelien befindet sich:
16. Die Pergamenthandschrift des provenzalischen Fierabras, wel- chen J. Bekker nach einer Abschrift Lachmanns (sie ist aus Lach- manns Nachlaß in den Besitz des Dr. Mahn in Berlin gekommen) herausgab. Die Handschrift, 71 Blätter in 4., gehört dem 13. Jahrhun- dert an.
17. Pergamenthandschrift des 14. Jahrhunderts, in Folio: der Roman de la Rose.
18. Pergamenthandschrift des 13. Jahrhunderts: altfranzösische Gedichte, meist didaktische.
19. Pergamenthandschrift des 13. Jahrhunderts in Folio (neben Nr. 15 stehend): der Roman de la Rose.
Die Kürze der Zeit gestattete kein näheres Eingehen auf die Handschriften : doch wird es manchem nicht unerwünscht sein , über die Wallersteiner Bibliothek einige Kunde zu erhalten.
ROSTOCK, im NoTember 1862.
ZUM FRANZÖSISCHEN EREC.
Eine beträchtliche Anzahl der großtentheils trefflichen*) Emen- dationen, welche K. Bartsch oben 7, 179—181 zu Bekkers Ausgabe des französischen Erec vorgeschlagen hat, lässt sich unter einem zu- sammenfassen. Man weiß, daß viele Verba der I. Conjugation vor der Endung er des Infinitivs ein i einschieben, und dem entsprechend das
*) Die zu V. 292, 1293, 2642, 2677, 4629, 4Ö29, 5534, 5984 gehörigren Verbes- serangeii und Conjectnren Latte schon Bekker selbst gemacht. Bartsch scheint die letzte Seite des 10. Bandes der *Zeitj}chrift' überhöhen zu haben.
4*
52 ADOLF MÜSSAPIA
Partie. Perf. auf -?V bilden. Das Femininum sollte dann lauten iie; die Scheu vor Anhäufung von Vocalen bewirkte jedoch, daß diese Endung sich oft zu ie vereinfachte. So z. B. changier^ Partie. Masc. changiiy Fem. chongie. Man vergleiche darüber Diez, Gramm. 2^, 216, wo auch unser Gedicht unter jenen Quellen namentlich angeführt wird, welche diese Eigenthümlichkeit darbieten. Bekker hat ^i^selbe nicht erkannt, und indem er fast überall ii betonte, gab er diesen Partieipien ein männliches Aussehen und störte nicht selten sowohl Versmaß als Reimverhältnisse, überall aber -iie zu corrigieren, heißt einen sprach- lichen Zug willkürlich verwischen. Daß Bartsch sich dazu entschlossen, darf um so mehr Wunder nehmen, als er doch für das Adjeetiv lii (laetus) Fem. liee die Vereinfachung der Vocalverbindung iee zu ie in der Form lie anerkennt; er brauchte nur die nämliche Lauterscheinung auch auf die Participia*) auszudehnen, um das Richtige zu treflFen. Eine andere Frage ist freilich, ob diese grammatische Eigenthümlichkeit bloß von dem Schreiber der von Bek. benützten Handschrift oder, wie ich zu glauben geneigt wäre, von Chrestien selbst herrühre, und diese Frage wird mit vielen anderen von Demjenigen gelöst werden, welcher sich endlich mit der, wie man meinen sollte, nicht zu schwierigen Auf- gabe beschäftigen wird, den Sprachgebrauch eines Dichters festzustellen, dessen Heimat und Lebenszeit uns bekannt sind, und von dem wir zahlreiche Werke, jedes in mehreren Handschriften, besitzen. Bis dahin wird, wie gesagt, in Bezug auf die hier besprochenen Stellen nichts anders zu thun sein, als überall den irrthümlichen Accent zu tilgen.
Sehen wir uns nun die einzelnen Fälle an, so finden wir die An- gabe Dicz's vollkommen bestätigt, daß die Einschiebung des t und folglich die Partie. Fem. auf -ie hauptsächlich nach 7, w, cä, g, p (manchmal auch nach #, st) vorkommen. Das I-Element nämlich, wel- ches allen diesen Lauten innewohnt, kann sich so weit steigern, daß es selbst zu schriftlicher Darstellung gelangt. Theilen wir nun die von Bartsch emendirten Participia nach ihren Characteristica ein, so finden wir:
/: bailliej aparoillie^ merveillie, taillie, entaülie (5292, dieses Mal von Bk. richtig ohne Accent gedruckt), desconsoillie.
ni seignie, enseingnie^ esloingnies.
*) Sie kommt auch bei Substantiven vor, denn dieser rein phonetische Vorgang liat selbstverständlich mit der Beschaffenheit des , Wortes nichts za thun: wo der Vocal- nexus iee vorkommt, sucht die Spraclie denselben zu ie zu vereinfachen. So ist z. B, mcAnie nur ans inesnide , einer ebenfalls vorkommenden Form , zu erklären, Mlat. man^ sionaia , prov. mainada , ital. niasncuia , frz. eigentlich maianie ; das n entwickelt das t, also maisnidey dann mavmie.
ZUM FRANZÖSISCHEN EREC. 53
ffi ehangie. eh: couchie.
f : blede, earroeie^ drecisy easaucie, ßancie» 81 ahasrief bcdsiey briste.
Dazu mit d: vuidie; mit r: trief empirie.
Ein Paar Stellen erfordern nähere Besprechung.
407 ff. (nature) .... 8*en estoit
plus de cinq cens fois mervoillie coment une soule feie tant bele chose faire pot etc. Bartsch: 'vielmehr vermoillUe :/^«, aber auch so fehlt dem zweiten Verse eine Silbe ; feUe aber wäre Adjectiv ; prov. fadada! Nach meiner Ansicht entspricht dem Worte feie nicht ße oAeTfüe^ sondern foia. Die Natur wundert sich, daß ihr ein so schönes Geschöpf nur einmal gelungen sei : 'ne puis tant pener ne se pot qu'ele peüst son examplaire en nule guise contrefaire.* Feie *) steht iur feiie (auch foiie = prov. span. vegada^ altital. mcata\ eben so wie Ue für liie und damit reimt ganz richtig mervoillie,
678 ff. la pucele sist tot coie
mais mout estoit ioianz et lie de ce que li (dem Erec) ert outroie. So Bekker. Bartsch meint dagegen, es sei ^lie : ouirie (Praesens) das ächte.' Ich gestehe nicht einsehen zu können, wie sieh das Praesens in den Zusammenhang fugen lasse. Man wird auch hier outroie als Partie, fem. auffassen müssen. Aus auctoricare nämlich oiret-er oiroi-er und mit dem eingeschobenen t otroi-ier^ Ptc. otroi-U^ Fem. otroi-iSe. Die Endung iee wird zu ü mit betontem t, in welches das vorangehende t aus dem Diphthonge oi {6i) aufgeht. Wir erhalten demnach die vier- (am Ende des Verses drei-)8ilbige Form outroie. Daher bedarf auch die zum Vergleiche gezogene Stelle
1231 la remenancea outroie (Btsch. lor outrie) puis fu de cort et de mesnie keiner Verbesserung.
Es mögen hier noch zwei geringfügige Bemerkungen Platz finden. V. 2828 Vers li s'en torne isnelepas entfernt sich die vorgeschlagene Lesung en es le pus zu sehr von den Buchstaben der Hs. Warum nicht isnel ptxSf oder mit Tilgung des Hiatus isnel le pas? — Zu S. 6010
*) In Gerard de Viane, Chevalier au cjgne und anderen Denkmfilem auch fie^ welches unmittelbar aus vix vic-eni entspringt ; ^c =r ei zu t zusammengezogen wie aus pectus peiz piz, ans lecltu leit lit u« s. w.
54 FRANZ GÄRTNER
(nicht 6070*) 'qui uaeroit rien äs'amie?' bemerkt Bartsch : 'lies naeuroit (Druckfehler?)*. Mir scheint das Verbum vaer = vier (lat. vetare) we- nigstens eben so berechtigt, als naer = nier. Stellen anzuführen, wo vier in der Bedeutung 'abschlagen, vorenthalten erscheint, ist überflüssig.
WIEN, August 1862. ADOLF MUSSAI^U.
ÜBER EIN LIED HEINRICHS VON MORÜNGEN.
Das Lied 123, 10 ff. besteht aus fünf gleichgebauten zwölfzeiligen Strophen, zu deren beiden letzten sich in MSF. folgende von Lachmann gezeichnete Anmerkung findet: »Diese und die folgende Strophe sind unbedeutend und am Ende verworren."
Da hiedurch die beiden letzten Strophen des Gedichtes verdäch- tigt werden, so wird es zunächst darauf ankommen, diese näher ins Auge zu fassen.
Wenden wir uns zur letzten Strophe 124, 20. Der Dichter sagt in derselben, er sehe wohl ein, daß die Dame, die er liebe, ihm nicht geneigt sei, aber er versuche es doch, ihre Gunst zu erlangen. Zwar hätte sie sich des verschworen, was er ihr zurouthe, und zürne darüber, daß er aus seiner Liebe kein Hehl mache, sondern aller Welt verkün- dige, „daß ich keinen Fuß breit von ihrem Dienste weiche**, dann heißt es: 30. ez kom mir ze liehe ald ir ze leide, Wite Wirt mir swcere huoz. Und diese beiden letzten Zeilen sind es wohl gewesen, welche Lach- mann zum obigen Ausspruche veranlasst haben. Allerdings scheint Z. 30 keinen passenden Sinn zu gewähren, denn es stimmte schlecht zu 22. 23: doch versuoclie ichz baz,
ich verdiene ir werden gruoz^ würde man annehmen, der Dichter habe hier sagen wollen, er werde nicht ablassen von ihrem Dienste, sei es nun, um sich einen Gefallen, sei es um ihr Verdruß zu bereiten. Dies ist nämlich der Sinn der Z. 30 in der Fassung von MSF. Doch scheint hierin keine Schwierig- keit zu liegen. Es ist anzunehmen, daß Arom mir ein Fehler des Hss. — es wäre nicht der erste derartige — und kom ir zu lesen sei. ald-ir ist aldiry alder, die verderbte Form für aide, und die Zeile lautet somit
ez kom ir ze liebe aldir ze leide.
*) Andere Druckfehler, welche in den hieher^hörigen 2V, Seiten der Germania ▼orkommen, sind folgende: st. 6231. 613; zu 3672 st. hiamne l, hiaume; st. 3718 1. 3706; zu 5302 st apordüi^ 1. apareil; st. 5391 1. 5317; zu 6070 (das erste Mal) st ncer 1. naer; zu 6266 st. aporoillie'e 1. apar.
ÜBKR EIN LIED HEINRICHS VON MORUNGEN. 55
oder aus der alamannischen Schreibweise übersetzt:
iz körn ir ze liebe ddir ze leide,, lihte wirt mir swäre buoz^ d. h. es sei ihr lieb oder leid, es kann doch kommen, daß mir Abhilfe meines Kummers wird.
Somit wäre hier die „Verworrenheit" gehoben. In der vorletzten Strophe braucht man vollends nur das Fragezeichen nach Z. 18 weg- zulassen, um sie vollkommen klar zu machen.
Auch mochte ich die Strophen nicht „unbedeutend" nennen, sie scheinen mir vielmehr für das Gedicht höchst bedeutend , indem sie ihm Originalität und Abschluß geben, zwei Eigenschaften, die nicht gering anzuschlagen sind. Str. I — 3 sind Klagen über die Unerbitt- lichkeit der Geliebten. Sie begegnen ims in den MS. am öftesten und sind von der Art, daß sie ins Unendliche fortgesponnen werden könnten. Dieses Platte , Gewöhnliche vermeidet der Dichter durch die zwei letzten Strophen, indem er das krankhafte Sehnen und Klagen durch eine männliche Ermuthigung abschneidet und den sentimentalen Ge- danken mit jenem leichten Humor, den wir in andern seiner Lieder wiederfinden, in sich selbst zum Abschliisse bringt.
Der Dichter rühmt seine Liebe zu einer Frau, die seine ganze Seele eingenommen. „Meine erste und meine letzte Freude war ein Weib," sagt Heinrich, und darin liegt die ganze Schwermuth, in die ihn die ungünstige Äußerung seiner Geliebten versetzt hatte. Aber sie ist unwillig über seine Keden und seine Liebeslieder, und das macht ihm Kummer; er möchte sie genie besingen und darf es nicht, sprechen und singen 7j, 20 darf oflenbar nicht allgemein genommen werden, sondern nur als das Sprechen und Singen von seiner Liebe. Das will aber die Dame nicht hören, darum schwindet seine Freude und er muß trauern, wohin er geht. Ebenso ist 123, 25 steigen nur zu verstehen als zurückhalten seiner Liebeslieder. Liebe erfiillt so des Dichters Ge- danken , daß was er spricht Liebe ist, und er, so oft er zu singen anfängt, nur von Liebe singen kann. Nun ratet mir, liebe Frauen, ruft der Dichter in dem Gedanken, daß der Frauen feiner, durchdrin- gender Blick ihn hier allein zum rechten weisen könne, ratet mir, was ich singen soll, daß es ihr gefiele, wenn ich von Liebe nicht singen darf. Das ist allein meine Lust — und ein Lied ohne Lust hat schlechten Klang.
Vil wipUcli wip, wendet er sich nun an die Geliebte selbst, wende meine Klagen , laß mich die Wonne deiner Huld genießen , denn nur du kannst mich froh machen ; seit meines Herzens Freude von dir ab-
56 I- V. ZINGEBLE
bangt, kannst nur du mich froh machen, da nur dein Trost mir Freude giebt ! Und als ob er abermal« eine verneinende Antwort in ihren Zügen läse, fährt er fort: Ich sehe, daß sie mir nicht wohl will, aber ich lasse nicht von ihr. Worauf ich hoffe, das hat sie wohl verschworen, sie ist unwillig, daß ich meine Liebe zu ihr offen verkündige, aber — viel- leicht nimmt meine Noth doch noch ein Ende, vielleicht kehrt sie mir doch noch ihre Liebe zu.
So kehrt in der letzten Strophe der Anfangsgedanke wieder, daß er seine Dame liebe, obwohl sie von ihm nichts hören wolle, und diese Eigenthümlichkeit , die in andern Liedern des Morungers wieder- kehrt, die den Lauf der Gedanken kreisförmig in sich selbst zurück- kehren lässt und so das Lied zu einem gerundeten Ganzen macht, drückt eben der letzten Strophe den Stempel der Echtheit und der Zusammengehörigkeit mit den früheren Strophen und der Nothwendig- keit für das Lied auf.
WIEN. FRANZ GÄRTNER. '
ZU RUORE.
Für die Bedeutung dieses Wortes, um das sich vor nicht langer Zeit ein hitziger Kampf entsponnen hatte (Zarnckes Beiträge IV. Haupt, Zeitschrift 11, 262. Germania 4, 421), enthält eine wichtige Stelle Fleiers Meleranz. Sie lautet:
2015 Sus riten si mit einander dan,
der Jäger und der junge man,
da der Jäger sin knehte vant
und sin ruorhunde, zehaut
fragt er sin knehte maere, 2020 ob kein hirz ervarn waere.
der jägerknehte einer sprach:
'den groesten hirz, den ich ie gesach,
meister, den hän ich ervarn.'
'so suln wir daz niht langer sparn, 2025 wir suln läzen dar zuo.*
dannoch was ez harte fruo.
die hunde hiez der meister dar
in die ruore ziehen gar,
edeler ruorhunde 2030 drtzehen an der stunde.
den leithunt nam er an die haat.
vil schiere er den birz vanU
man streift diu seil den blinden abe.
der birz fl<k*b mit un|^ebabe 2035 vor den banden durcb den wall.
swic die wege wa*m gestak,
der ja^er und knabe volgten nacb.
dem birze waz zc flielien guob
fnr die drt wart an der stunt, 2040 du man mangen j^tioten bunt
nai'b im bazte uf b!n s|>or.
Diese Stelle sprirbl ganz furZamcke*« Erklärung. Ich fuge noch einige Stellen für ^ruore* bei, die mir zu Händen sind :
In des tievils jocb hatte er sieb gewetten. er wolde nibt tretten von der belle stigi». in der sunden wige wolte der tievils kenpfe und der schänden stenpfe gerne werden funden. bi den belle bnnden in der sunden ruorc spiive unde fuore sol er mit in kiuwen. I^ngensteins Martina III, 78.
Hier beißt «in der sunden ruore** auf dem Simdenpfade. Man Tcrgleicbe damit :
Diu in der hunde ruore
daz cnmke fleihcb wi«>et. £lK*nda 2W, 47.
und: siu luufent in der riuwe ruorc
mit stetir unfuore. ir ungefuogrs Wllen üol iemer mere bellen in der armen oren^ machen siu ze toren.'' Et>enda 62, 79.
Bei Ottokar heiüt es:
Sein recht er da mit begat,
daz er zu der stund
sei gewarnt giioter hond
auf die vart und ze rnor. It*3*
58 I- V. ZINGERLE
Wenn Langenstein sagt:
Do er von in ze himmel fuor in der englischen ruor, scheint ^ruor'' die Bedeutung Schaar, Geleitschaft za haben. Es könnte aber auch heißen in der Richtung, auf der ihm Engel vorangeschwebt waren.
I. V. ZINGERLE.
PANTHER.
Zu der Stelle der Nibelungen:
Ein hüt von einem pantel dar über was gezogen durch richeit unt durch süeze. 961 (L. 894). verwies schon v. d. Hagen in seinen Anmerkungen zu der Nibelungen- Noth p. 198 auf den alten Glauben, daß der Wohlgeruch des Pantlier- (elles das Wild nach sich ziehe. Zamcke bringt mehrere Belege für diese Eigenschaft des Panthers im mhd. W^örterbuche 2, 463 bei. Ich trage noch folgende nach:
Langenstein berichtet „von des pantieres nätüre" unter anderm:
Dar nach er erwachit,
als sin nätüre machit,
und lät eine stimme gröz
einen brüelenden doz
in den luft witen.
mit dem ane biten
lät er einen süezen dräst
und einen froderichen bläst,
der vertriflFet alle würzen.
ich wil die rede kurzen :
sin sueze vollecltchen wiget
für swaz diu weit pfliget;
würzen und aromatä
die sint hie vertroffen sä,
dar zuo alle picment,
so der weite fiirsten hcnt.
so stn stimme wirt vemomen
und der smac vollekomcn,
so volgent im vil balde
diu tier von dem walde
und sinem süezen smacke etc. Martina 97, 29 ff.
PA>'THEK, 59
daz pantel lebt in solher art,
daz alleu tier auf seiner vart
wernt in vil churzer stunt
von der rainikhait gesunt,
die sein ädern ze aller zeit
in süezem smak suoze geit.
wan ez chain speis zert
anders, wan daz ez sich nert
mit den rainesten würzen gar
die die erde ie gepar. Sentlingers Keimchronik 23 A*.
Noch in der Naturgeschichte des Plinius (Frankfort bei Feier- abend 1584) liest man S. 110: „Man sagt, daß sie die andere vier- iussige thier durch jren lieblichen geruch zu sich ziehen, und aber mit dem grimmsüchtigen köpf wider hinweg treiben" *).
L V. ZINGERLE.
ZUM HELIAND.
0
Beim Versuch einer kritischen Bearbeitung des Cottonianus haben sich mir mancherlei Schwierigkeiten ergeben, die durch eine neue Ver- gleichung des Codex nicht gelöst werden konnten. Dies bezieht sich besonders auf den Theil des Cottonianus, der im Bambergensis fehlt. Nach langem Widerstreben, ich muß es gestehen, entschloß ich mich Conjecturen zu machen , von denen ich hier eine Anzahl mittheile. Kenner mögen entscheiden, ob sie nothwendig und glucklich sind.
Schmeller 161 ^\ folgodun darf ich wohl, der Anleitung Schmel- lers folgend, unbedenklich in felgidun verwandeln.
161*' hat der Cott. statt far richtig /ur, so wie auf derselben Seite Z. 16 lungra deutlich steht (nicht lungiia). Daher ist denn wohl auch auf der folgenden Seite 162" statt des unsinnigen und sprach- widrigen fem thero thingstedi (gisittian geng) für zu lesen — pro tri- bunali hat die Vulgata.
163*'. Uuas thar 6c bi sinon . sundion giheftid. Dieser Vers scheint mir tadelhaft, denn sinon kann den Stabreim zu sundion unmöglich tragen. Sin hat ihn nur dann, wenn ein Nach- druck darauf fallt, wie 62 ^ 55", 39 >«, 30*, 119'», 392». ßann steht es vor dem Substantiv oder allein, wie 117** '^ Wenn es nach dem Subst. steht, hat es nie den Stabreim, auch nicht, wenn es ohne Sinn- nachdruck vorsteht, wie 83 », 23 *'. Im vorliegenden Falle hat nun *?•
•) Vgl. Megenberg'a Bnch der Natur, S. 156. Iö7,
60 CONRM) HOFMANN
non offSenbar den Nachdruck nicht, die Sünden des Barrabas stehen in keinem Gegensatz zu anderen Sünden. Auch wäre stnon als einziger Stabreim am Schlüsse des Halbverses zu leicht. Ich schlage daher vor:
bi sinon (oder is) «undion • nmon giheftid, , im Anschlüsse an 162 *** stmon haftan.
166 '^ fehlt etwas zu dildun^ nämlich das Parallelglied zu ffiuuddi, und zwar, wie aus dem folgenden Verse hervorgeht, die Tunica oder der ungenähte Rock. Das fehlende Wort war ein Masculinum, denn es heißt: umbi thena selben. Ich ergänze also:
Thus thia uuigandös giuuädi Cristes,
hreffil dSldun dereuiä mann.
hreffil kommt zwar im H. nicht vor, aber im Hildebrandsliede; es ist im Ags. Masculinüm.
162 *•• *" fehlt ein Halbvers gänzlich: farman ina an is muode | be thiü scalt thü sulic men unrecan,
I ef thu umbi thines herren ruokis
umbi thines fröhon friundscepi; | than scalt thu ina thiu ferhü beniman. Es muß das Parallelglied zu men uurecan ausgefallen sein.
1*^^10.21 fgfjj^ gjjj Stabreim, denn offenbar liegt in dem Halbvers:
Mithan siu is thuru thia minnia ni uuissa der Reim auf mitJian und mtnnui, nicht auf uuissa. Ich lese im folgenden Halbverse mundofi (mit Händen) statt uuordan, was ja ohnehin besser zu grtpan passt: uuelda ina mit iro mundon gripan.
Daß mund in der Bedeutung Hand nicht im Alts, vorkommt, darf nicht irren, es ist ags. und ahd., das genügt. So findet sich umgekehrt das alts. und ags. augfneniaiire^ uuundroiiy vundrum Gr. HI. 137 nicht im Ahd., wird aber gleichwohl bei Erklärung der mhd. mit wundem zu- sammengesetzten Adjectiva nähere Ansprüche haben, als das voraus- gesetzte ahd. Adjectiv wuntarin Gr. IL 556. Mhd. Wb. HI. 815, wel- ches nicht existiert und auch nicht existiert zu haben braucht, wenn man vmndern als alten Dat. plur. fasst.
Die Verse 169 ^^' ^^ sind in übler Ordnung, die Stabreime gehen nicht aufeinander und ein Halbvers fehlt ganz. Ich schlage vor:
I Slidmuoda mann Gengun im mid nithscipiü nähör | thar so beneglidä tuenä Sculdigä scathon | an crücie stuodun, Thiobös tu^nä | tholödun bethi& u. s. w.
164' nuoi sithör uuann, | sithör hie thesa uuerold ägaf. Das doppelte sithor unmittelbar hintereinander ist unerträglich und uuoi ist gar kein Wort. Da nun im Auslaute im Alts, rj häufig mit i und
ZUM HELIAND. 61
umgekehrt sich mischt, so könnte uuoi für uuqj s=r uuog stehen, welches sich in der Form uuoh maluB, perversus im Heliand findet, dem ags. voA, voff und dem goth. vahs entspricht. Statt des ersten tntJidr lese ich ätthds und verbinde es mit uuog:
uuogsithös uuann | sithör hie thesa uuerold ägaf. Die Richtigkeit der Phrase beweist llO^': uunnun uurae^^^dds.
CONRAD HOPMANN.
MANGEL.
Anknüpfend an die oben Germania 7, 112 stehende Notiz will ich hier eine Lücke im mhd. Wörterbuch ausfüllen. 2, 61* wird nämlich gesagt: ^mangel stm. ein ahd. mankulf mcmgol setzt Gr. 2, 117 an; doch ist das Substantiv selbst im correcten Mhd. kaum schon belegbar.* Und wirklich ist das Wort a. a. O. unbelegt geblieben. Es lasst sich jedoch bei den besten Dichtern und in großer Fülle nachweisen.
1. ane goi eniat niweth mangels
er was ie an anegenge Genesis (Fdgr. 2, 10).
2. iwer sie aber reht ersachf
90 was der wdrlieit mangel (: angel). Servatius (Zeitschr. 5, 97).
3. als ez der mangel gebot Greg. 3270.
4. Schionatulander — vienc — der fröude den mangel (: veder-
angel), daz er Bit wart selten der geile* Wolframs Titurel 154, 2.
5. si truoc der freuden mangels last. Parzival 116, 30.
6. er dähte: tut ich mangel hän. Ebend. 733, 1.
7. vrceUch gewant und guot geniach
des wil ich haben mangel. Wilh. 174, 21.
8. der senede mangel kumber birt. Bliggers Umbchang (s. Pfeifier
zur deutschen Litt-Geschichte S. 28, V. 309). Diese Stelle könnte leicht des Fleiers Quelle sein : sie steht im Meleranz gerade dort, wo der Fleier den Bligger be- nützt hat (s. Bartsch, Meleranz S. 376).
9. swer sich mähte gewä/en wider süezer worte mangelj den hete untriuwen angel
vil selten gemeilet. Krone 154. 10. dd man begunde mangel ( ; angel) Dietertches nemen da, dS wart Engelhart iesä lieber unde trüter, Engelhard 1658.
62 REINHOLD KÖHLER
11. dtn 8un was im köder und cmgel^
des noch liät diu helle tnangel Mariengruße 452 (Zeitschr. 8, 288).
12. (ßn tnangel unde dtn gebreste. Berthold 431, 15.
Im Jüngern Titurel begegnet das Wort öfter, z. B. : 1.3. diu minne und unminne hetzet
daz tot gevellet friunt vil maniges wibesy
diu tragen muoz durch rehte minne mangel (: angel) 1501.
14. der mangel siner minne gab ir den ende. 2558.
daz sie der e und erbes heten mangel (: todes angel) 4228.
15. der zweier hei er mangels ich wcen im daz nu wcere
ein scharpfer jämers angeL 4674.
16. an aller slahte mangel ( : krangel)
wart vertriben hie diz mal. Reinfried ed. Godeke S. 21.
17. (ez) Ut an im ganzer mangel (: angel) aller guoter dinge. Liedersaal 1, 288.
18. owif süze minne,
sol ich din haben mangel, sd Ut des jämers angel
verborgen in den wunnen. Wilh. von Österreich (Cod. Vindob. 2860. Bl. 3P.)
WIEN, Juni 1860. FRANZ PFEIFFER.
ZUM ZWEITEN MERSEBÜRGER ZAUBERSPRUCH.
In der zweiten Ausgabe der deutschen Mythologie S. 1181 ff. sind norwegische , schwedische und schottische Beschwörungen mit- getheilt, die offenbar Fortpflanzungen jener heidnischen sind. Die schot- tische Formel hatte J. Grimm aus Chambers fireside stories, Edin- burgh 1842, S. 37 entnommen.
In der neuesten Ausgabe dieses Werkes (Populär rhymes of Scot- land. Third edition, with additions. Edinburgh 1847 S. 129) findet sich noch eine zweite söhottische Formel:
Our Lord rade, His fcaPs foot slade; Down he lighted, His foal's foot righted. Bone to bone, Sinew to sinew,
ZUM ZWEITEN MERSEBURGER ZAUBERSPRUCH. 63
Blood to blood, Flesh to flesl). Heal in iiame of the Father, Son and Holy Ghost.
Eine dritte schottische Formel 'employpd for relief of the distem- pered or bewitched' finde ich in dem, wie es scheint, wenig bekannten, aber sehr reichhaltigen Werke Dalyells: The darker snperstitions of Scotland, Edinburgh 1834, S. 27:
Our Lord to hunting red, His soll soot sied, Doun he lighted, His soll soot righted, Blöd to blöd, Shenew to shenew. To the other sent in God's name, In name of the Father, Son and Holy Ghost. (St. Cuthberts Kirk Session Register 9. Nov. 1643. Margaret Fischar in Weardie, vol. 1695—1643 in MS.)
Dalyell vermuthet soll soot bedeute Steigbügel; wahrscheinlicher ist, daß es verschrieben oder falsch gelesen ist fiir foll foot
In diesen beiden schottischen Formeln haben wir nun auch das hluot zi bluoda des Merseburger Spruches. In der dritten bemerke man besonders: Our Lord to hunting red.
WEIMAR, Au^st 1862. REINHOLD KÖHLER.
EIN KOMISCHES RECEPT.
Nachfolgendes Recept wird mir von Dr. Anton Birlinger in einer Abschrift Schmellers mitgetheilt. Es steht in der Handschrift der Münchner Hof- und Staatsbibliothek Cod. Ind. 355 vom J. 1463 Bl. 230** nach einer Menge ernsthafter Recepte. Eine ähnliche, kürzere, aber gereimte Anweisung zu einem sjngerihteUn kennen wir bereits aus dem Würz- burger Kochbuch (Buch von guter Speise. Bibliothek des lit. Vereins Bd. IX, S. 19. vgl. Zeitschrift 5, 14); aber das vorliegende medicinische Recept hat den Vorzug noch übermüthigerer, echt volksmäßiger Laune und stellt sich dadurch noch näher an die Lügenmärchen, mit denen es aus Einer Quelle, aus der unverwüstlichen Freude des Volkes an Contrasten, an Scherz und Spott, geflossen ist. Die Erwähnung der
64 EIN KOMISCHES RECEPT.
Schweizer und der Armagnaken weist die Aufzeichnung in die Zeit des Armagnakenkrieges, also in die Jahre 1443 — 1445.
FRANZ PFEIFFER.
Medicina adomnes morbos probata per dominum Stepha- num Lunnkarm Magistrum solempnem in phjßica.
Item von erst nembt die leber von einem merbelstain, die lungel von ainem achstain, das hercz von einer schrothakchen, das milcz von einem garnrokchen, das bluet von einem swertsknopf, und misch es durcheinander mit IUI lot schein von der sunnen, und trinch das nüchter zwischen pfingsten und Nuereuberg.
Ob das nicht hilft, so nim IUI lot vogelgesanch , II lot swalben flugs, IUI lot kisling smalcz, V lot vaschnacht tancz, IUI ^. des blaben an dem himel und mach ein rösch fewer darunder und nim ein vier- dung sehne der zu den sunbenten gefallen sey und terr die matery ob dem fewer und nim des nachts in dem trawm II stund vor ee du dich slaffen hast gelegt.
Und hilft das auch nicht, so nim des schads von dem kirichknopf und IUI a* des snellen hasen lawf und III lot alsterschrit, VIII lot bluemen gesmachs, VII smalcz von stigKczfersen und ein par gefliehter holczschuech , von den stukchen mach ein päd und das gewß in ein reytter und verdekch es oben gar wol mit einem fischnetz, das der tampf nicht davon mug, so ward edler päd nie.
Will das alles nit helfen, so nim I ^. eselwicz und III lot junch- fraw gedankch, V lot weibstrew, II lot witib klag, X lot nunnengesankch und als vil glokchen klanch, X lot newer mär von den Swei/nczem und X centen der großen lug von den Armiäken und pint die zusam mit einem affenzagel imd leg das zu mittemacht an die haiO sun, so wirt es dürr und darnach leg es in ein stroenew pfannen und sewd das wol ob einem fewer das von eiszepffen gemacht sey, und trinch wein aus einem lären pecher, der kainen poden nicht hat, und trinch ungerisch wein, die an dem Rein gewachsen sein.
Und will das alles nit helfen, so nim ich wais nicht was und tue im ich wais wie, so wirstu gesunt des ich nicht wais etc.
65
ZUR SCHWÄBISCHEN SAGENKÜNDE.
VON
LUDWIG UHLAND.
4. DIE TODTEN VON LÜSTNAU.
VORBEMERKUNG.
Es erfüllt mich mit webmüthiger Freade, meinen Lesern aas dem Nach- lasse des dahingeschiedenen Meisters, den die Germania seit ihrem Beginne zu den treusten Freunden und Mitarbeitern zählte und dem sie so manche ihrer schönsten Zierden y erdankt , diese Abhandlang als letzten Gruß gleichsam über- geben zu können. Nach den brieflichen Mittbeilungen seiner Witwe, Frau Emilie Uhland , deren freundschaftliche Güte mich dazu in den Stand setzt , dürfen wir „die Todten von Lustnau'' recht eigentlich als seine letzte Arbeit betrachten; sie trägt das Datum vom 26. Februar 1862, und wenige Tage darauf befiel ihn die Krankheit 9 von der er nicht wieder erstehen sollte. Er nahm sie zwar, mit zwei andern, von ihm als nahezu vollendet bezeichneten und ebenfalls für die Germania bestimmten Abhandlungen (darunter eine zur deutschen Heldensage ge- hörige, über König Ermanarich, der ihn in seinen Phantasten noch viel beschäf- tigte) im August nach Juxtfeld mit, in der Hoffnung, dort die letzte Hand daran legen zu können. „Diese Hoffnung sollte sich aber nicht erfüllen. Die geistige und körperliche Müdigkeit, die ihn so bedrückte, blieb sich gleich. Zuweilen hatte er wohl eine gute Stunde, wo er sich der lieblichen Gegend erfreuen konnte. Er saß dann gerne auf der Terrasse vor dem Badhause, wo man einen gar schönen Blick den Fluß hinauf und hinab hat, meist in seine Gedanken vertieft, manchmal aber auch zu Mittheilung geneigt. Mit Trauer sagte er aber öfter, daß ihm das Gefühl nicht arbeiten zu können das Schmerzlichste in seiner Lage sei. Er hat in der ganzen Zeit seines Leidens, seit Anfang März, keinen Brief mehr (noch sonst etwas) geschrieben."
Fehlt also auch den i, Todten von Lustnau" die letzte glättende Hand des Meisters , so würde diese doch weit weniger der Sache (denn ohne voll- ständige Beherrschung des Stoffes schritt Uhland niemals zur Ausarbeitung), als hin und wieder etwa dem Ausdruck, an dem er bis zum letzten Augenblick zu bessern pflegte, gegolten haben. Aber auch so werden die Leser gewiss nichts daran vermissen, sie werden die Abhandlung mit mir als ein theures, nach Form und Inhalt des Meisters würdiges Vermächtniss betrachten, das sich ebenso durch die wunderbare Verbindung von ausgebreitetster Gelehrsamkeit, von Scharfsinn und dichterischem Geiste auszeichnet, wie alle seine übrigen Arbeiten.
Einer Äußerung Uhlands zufolge, die er während seiner Krankheit machte: »daß sich der Aufsatz wie in zwei Theile gespalten habe*, glaubte ich die zuerst behandelten Sagen von der Wiederkehr der Frau von den Todten als 1 , die darauf folgenden von der Erweckung aus tiefem, zauberhaftem Schlafe als 2 be- zeichnen zu sollen , um so mehr als diese Theilung im Manuscript durch dop- pelte, allerdings nur erst mit Bleistift gemachte Zählung der Anmerkungen an- gedeutet war. Gleichwohl gehören beide Theile zusammen und bilden, wie schon
GERMANIA VIIL 5
6g LUDWIG UHLAND
die stätcn RQckbeziehnngen und der gemeinsame Schluß zeigen, ein untrennbares Ganzes.
Schneßticb kann ich den Freunden den deutschen Alterlhums die erfreu- liche Mittheilung machen, daß eine Sammlung der gelehrten Abhandlungen Uhlands, worunter manches Ungedruckte, in nicht ferner Aussicht steht.
WIEN, 18. Januar 1863. FRANZ PFEIFFER.
1.
Ritterliche Dienstmannen der Tübinger Pfalzgrafen (Germ, l, 1 ft*.) saßen im nahen Lustnan , gleichen Stammes mit Denen von Wildenan, einem abgegangenen Weiler bei Rjibgarten im Schonbnch *). Beide werden in Urkunden h'dufig zusammen genannt und hatten ein gemeinsames Wappen, den weißen Hirschkopf*), Sinnbild der alten Waldheimat^ bevor ein Theil des Geschlechts von der wilden in die lustsame Ane am Neckar herabgezogen war ^), Dort oben bot rieb man die Hirschjagd, hier unten, an den Altwassern des Fhisses, war Spielraum fiir die Reiherbaize; dass die Ritter von Lustnau sich darauf verstanden, zeigt die Abgabe von zwei Habichten, die sie von Alters her ihren jagdfren- digen Herrn zu entrichten hatten *).
») Pfalzgräfl. Urk. von 1191 (Crus. P. 11, L. XII, p. 609, vgL Besold 359): De miniaterialibua etc. WalÜierus de Lualnoice et filii eUu, Heinrictia et Hugo, Urk. der Grafen von Tübingen um 1236 (Mone, Zeitschr. 3, 116): Ebei'ardua imles de. Lu- «tenowe miniateriali», 1^9 (ebd. 4, 123): BurcaM de Luatenowe fiülü, etc. et Cunradi de Wildenowe itoati'orum fidel i um. 1289 (ebd.): Burcardum de Lualc noioe milit., Cwnrcuium de Wildenoic e. Bischöfl. Konstanz. Urk. von 1283 (ebd. 3, 432) : dominoTum de Luatenowe. Urk. Alberts von Stoffeln, Reutlingen 1 284 (ebd. 437 f.) : Cu'nradua de W il de 7i owe, Pfalzgrfifl. Urk., Tüb. 1291 (Schmid U. B.72f.): Nomina teatium etc. Burcardua de Luatenowe, Cunradua de Wildenotve. müitea, WaUherns de. LuaLenoxjDe^ic, Andre von 1296 (ebd. 57): Cvnradea dea riUera von wildenowe vnaera dienatmannea mulaUUt ze Tcellina fürt,
') Als Wappen, womit 1347 Cunrat der Vol vonWildenoioe siegelt, Schmid Ü.B. 175; gemalt bei Lntz von Lutzenliard im 5- Bd. als solches der Ostertage von Lnstnow Crus. Paraleip. 43: Signauit Uttevaa quaadam 1445. Oateriagua de Luatnow, OtslauU acutum glaucum: in quo album cerui capui, cUhia cum cormbua, Super galea alba item eomua ceruina. Galece f^gmen, glaucum et Mvxii.
3) Ahd. findet man noch Flexionen eines Adjectivs luaie (Graff 2, 287); das ur- knndL Lu^temwe ergibt sich damit als Dativform: zer luaten ounjoe (ahd. luat&n ouwo), wie Wildenmce : zer wilden ouwe. Im 16. Jlid. sagte man: luatige atce, D. Wörterb. 1, 602.
*) Steinhofer, Wirtemb. Chron. 3. Thl., Stuttg. 1752, S. 134: *In disem Jahr (1466) schickte der Abbt des Closters Vittenbeüreu (Ottenbeuren) Wilhelm von Lnstnow, eines guten und alten adlichen Geschlechts aus dem Land Wirtenberg, dessen Vater Ostertag von Lnstnow vor Jahren Pfeffingen au der Ammer ob Tübingen besessen, Graf Ulrichen von W^irtenberg zween Habicht zu, und meldete in seinem Schreiben, das seine Voreltern der Herrschaft Wirtemberg uß irem Forst und Wildbann soldies
DIE TODTEN VON LUSTNAU. ß7
Auch dieser Dienstadel fallt in den Bereich der Sagenkunde, und zwar mittelst eines Beinamens. Nach Crusios ward ein E^dler von Lustnau für todt hinausgetragen und beigesetzt, kam aber in der Nacht lebendig zurück, mit umgeschlagenem Leichentuch, seine Frau zögerte, ihn aufzunehmen, sie zeugten aber nachher noch fünf Kinder und diese nannte man 'die Todten von Lustnow' *). Anders und viel wun- derbarer lautet eine ältere Meldung in Luthers Tischreden:
'Doctor M. Luther sagte, dass er selbst von H. Johans Fride- rich , Churfursten zu Sachsen , ein Historien gehört hett , dass ein Geschlecht vom Adel im Teutschland gewesen, dieselbigen weren geboren von einem Succubo, denn so nennt maus, wie denn die Me- lusina zu Lützelburg auch ein solcher Succubus oder Teuffei gewesen. Es were aber also zugangen. Ein Edelmann hat ein schön jung Weib gehabt, die war ihm gestorben und auch begmben worden. Nicht lang darnach, da ligt der Herr uiid Knecht in einer Kammer bei einander, da kompt des nachts die erstorbene Frauw und lehnet sich über des Herrn Bette, gleich als redete sie mit ihm. Da nun der Knecht sähe, dass solches zwier nach einander geschähe, fragt er den Junkern, was es doch sei, und ob ers auch wisse, dass alle nacht ein Weibsbild in weißen Kleidern für sein Bett komme? Da sagt er nein, er schlafe die ganze Nacht aus und sehe nichts. Als es nun wider Nacht ward, gibt der Junker auch acht drauf und wachet im Bette, da kompt die Frauw wider für das Bett. Der Junker fraget, wer sie sei und was sie wolle? Sie antwort, sie sei seine Hausfraw. Er spricht: Bistu doch gestorben und begraben. Da antwortet sie: Ja, sie hab seines fluchens halben und umb seiner Sünde willen sterben müssen, wöll er sie aber wider zu sich haben, so wolt sie wider sein Hausfrauw werden. Er spricht: ja, wenns nur sein künt. Aber sie bedinget aus und vermanet ihn, er müßte nicht fluchen, wie er denn einen sonder- lichen Fluch an ihm gehabt hatte, denn sonst würde sie bald wider
zu thon bißher schuldig gfewesen.^ Die Grafen von Wirtemberg waren an die Stelle der alten Dienstherm, der Pfalzgrafen von Tübingen, getreten. Ein Bestellungsbrief des Abtes Wilhemvom Jahr 1474 für den Forstmeister über die Ottenbeurer Stiftswaldungen legt diesem besonders auf , das Federspiel wohl zu besorgen (Feyerabend , Jahrbücher des Beichsst. Ottenb., 2. Bd., Ottenb. 1814, S. 703 f.).
*) Crusii Paraleip., Francof. 1596, p. 43: Earum quidam nuncupati fuere Mortui de Luatnouia: NolnlU enim quidam Luachnouiits^ quondam pro mortuo eJatus^ et (hpo- aitiMf noctu reditl viuua: lirUeo, quo exportattta fuercttf amictus. Qui vix ab uxore receptttSy poatea liberoa €uUiue quiTique genuit: qui appelUUi sunt die Todten von Luatvnw. Liistnauer und Wildenauer waren im nahen Kloster Bebenhnusen bestAttct (Crus. Annnl. P. m, L. VI, p. 360. Klunzinger, Bebenh. 18. 23).
§8 LUDWIG IJHLAND
•
sterben. Dieses sagte ir der Mann zu, da blieb die verstorbene Frauw bei ihm, legirete im Hause, schlief bei ihm, isset und trinket mittihm und zeuget Kinder. Nun begibt sichs, dass einmal der Edelmann Geste krieget und nach gehaltner Mahlzeit, auf den Abend, das Weib einen Pfefferkuchen, zum Obst, aus einem Kasten holen solte, und bleibt lang außen, da wird der Mann schellig und fluchet den ge- wönlichen Fluch, da verschwindet die Frauw von stundan und war mit ir aus. Da sie nun nicht wider kam, gehen sie hinauf in die Kammer zu sehen, wo die Frauw bleibe. Da ligt ir Rock, den sie angehabt, halb mit den Ermein im Kasten, das ander Theil aber heraußen , wie sich das Weib hat in Kasten gebückt und war das Weib verschwunden und sidder der Zeit nicht gesehen worden' •). Am Rande der alten Drucke steht: 'DieTodten von Lo- schenaw' '). Es ist kein Grund, zu bezweifeln, dass, wieCrusius sich ausdruckt. Einige {Anm. 5: eorum quidamj^ also wohl eine Linie des Lustnauer Adels, die Todten genannt waren, wenn auch diese Nach- richt nur auf mündlicher Überlieferung beruht, nicht auf Urkunden, die sonst unfehlbar angegeben würden. Ein zahlreiches Geschlecht theilte sich erst in die von Wildenau und von Lustenau, diese aber waren wieder durch Beinamen unter sich oder auch von andern in Lustnau ansäßigen Geschlechtern unterschieden ; solche den Taufnamen ange- hängte Beinamen sind urkundlich schon bnld nach der Mitte des IS-Jhd. Specht und Elsenbaum, beide noch an den Schönbuch mahnend^). Den Anlass der bedeutsamem: die Todten," sucht die Sage zu er- klären, denn für solche muß auch der anscheinend thatsächliche Her- gang bei Crusius im Zusammenhange mit dem Wunder der Tischreden gelten.
•) CoUoquia Oder Tischreden Doctor Martini Lutheii etc. Franckf. a. M. 1574. Bl. 213 (vgl. Br. Grimm. D. Sag. 1, 153 f.).
") Diese Randbemerkung ist bei Kirchoflf, der die Erzählung wiederholt (Wend Vnmuth, Das Fünffte Buch etc. Durch Hanß Wilhelm Kirchoff etc. Franckf. a. M. IG02. Nr. 256, S. 31 1), so in den Text aufgenommen: daß ein Geschlecht vom Adel im Teutsch- landf die Toden von Lostenaw {tat mir recht) genennet gewesen etc. Abgekürzt steht die Geistergeschichte in Francisci Schaubühne S. 975 f., doch mit dem Eingang: Von einem Bayerischen Edelmann, findt ntan, in unterschiedlichen Buechern etc.
») Bebenhäus. Urk. von 1261 (Mone 3, 201): Testes etc. Waltherus Speht, Ber. dictus Elsinboun, et C, f rater eins, milites de Lvstenowe etc. 1262 (ebd. 202): Wall- herus Spiht de Lustenowe, mit, 1270 (ebd. 213): Burcardus SpihL 1283 (ebd. 435): Hainricum dictum Spette, Auch bei den VVildenauem findet sich ein Zuname: der Yol (jmllus), Urk. von 1305 (Schmid U. B. 243): Herre Cunrat von Wüdenawe. 1339 (ebd. 218): Cunraten dien voln von Wildenowe, 1347 (ebd. 168): Conrat der Vol von Wildenowe. 1440 (Rejscher, Stat. -Rechte 192): Icfi wildnmo vol von Wildnow etc.
DIE TODTEN VON LUSTNAU. 69
Der Sagenzug geht aber noch in fernere Gegenden imd frühere Zeiten. Aus den Tagen Rudolfs von Habsburg berichtet der Abt Jo- bannes von Victring: damals sei am Hofe des Königs ein Ritter aus dem Gebiete von Chur berühmt gewesen, der Sohn eines tapfern Rit- ters, welch letzterer 'der Tod te' geheißen war; nachdem nemlich dessen Mutter im Wochenbette gestorben und begraben worden, habe man sie, vor dem dreißigsten Tage seit ihrem Hinscheiden, häufig eintreten und dem Kinde die Brust reichen gesehen ; dies habe die Amme dem trauern- den Herrn hinterbracht, worauf derselbe die Erscheinende geraubt und festgehalten, dann während zweijährigen Zusammenseins zwei Söhne mit ihr gezeugt habe, deren Einer, der Vorgenannte, Vielen zum Er- staunen, dazumal am Leben gewesen sei ').
Gegen die Neige des 12. Jhd. bespricht Walter Map in demselben Buche, das zum Jagdmärchen des Pfalzgrafen von Tübingen ein Seiten- stück geboten hat (Germ. I, () f.), zweimal einen Ritter aus der Bre- tagne, der sich den Todten von Lustnau angleicht: jener Ritter hatte seine verstorbene, begrabene und langbeweinte Frau zur Nachtzeit in einsamem Thal, im Reigen einer großen Frauenschar, wiederlebend (redivivam) gefunden; er raubte sie aus diesem Kreis und lebte mit ihr noch viele Jahre, es erwuchsen aus dieser Ehe zahlreiche Söhne und Enkel, die hiernach alle, noch in der Zeit des Erzählers, Söhne der Todten (fiUi mortuce) genannt wurden *°). Zuvor schon gibt das Buch
•) Joh. Victoriens. 2,8 (bei Boehmer, Font. rer. germ. 1, 323): Hoc tempore (1287) inter mtdtoa, qui in curia regia incliiahant, fuil miles quidam ex territorio Curienn^ stre- nui militig filiua j qui miles 'mortuus dicebatur j quem Heinricue dux Karinthie, Mein- hardi duci» filius, et vir magne prudentie Chunradus de Ouvenstain cuseruerunt s^ssime je vidisse, et aecum colloquia miscuiase, Cuiua mater dum qu^indoque peperiaaet^ anxieiate partus perterrila moritur et aepelitur, frequenterque viaa eat infra tricenarium diem atu obilu» introire, et genite proli uhera aua dare, Quod nutrix ad dominum detulit de morte coniugia valde meatum. Quij obaervato eiua ingreaau, eam rapuitj et ahacedere non per- miaity eiusque amplexibua amplitia quam per biennium aecum cohahitando vacavit, duoaqus fiüoa progenuit, quorum unua iate extitit mtUtia in miraxmlum et atuporem, Quod ponitur non ut rredatur per naturam hoc poaae fierl , aed ut multiplex verautia diaholice fraudis et preatigiorum, illuMonumque denioniulium iUaqueatio cognoacatur,
"*) Gualteri Mapcs de nug^s curialium distinct. qainque. Ed. by Tb. Wright. Lond. 1850. 4". S. 82 : (su])erius) dicitur milea quidam uxorem auam aepeliaae revera mar- tuamf et a chorea retribuiaae (f) raptam, et poatmodum ex ea filioa et nepotea auacepiaae, et perdurare aobolem in diem iatum, et eoa qui traxerunt inde originem in muUitudinem facioa, qui omnea inde filii mortuce dtciintur. Ebd. 8. 168: milea quidam Britannioe foinori» uxorem auam amiaaam diuque ploratam a morte aua^ in magno foeminarum eoetu de noete reperit in convalle aoliludinia amjiliaaimce, Miratur et metuil, et cum redivivam videat quam aepelieraij non credit ocidia, dMua quid afatia agatur, Certo proponit animo rapere f ut de rapta vere gaudeatj ai vere videty vel a fantaamate fallaiur , ne poaait
70 LUDWIG UHLAND
ausführliche Kunde : wie, unter Wilhelm Bastard (dem Eroberer), Edric Wilde, Herr von Nord-Ledbury (bei Hereford), auf nächtlicher Rück- kehr von der Jagd, irre gieng, am Waldrand zu einem großen Gast- hause (ffhildhus) kam und dort einen sehr großen Reigentanz schöner Edelfrauen sah, nur in Leinwand gekleidet, aber schmuck und von höherem Wuchs als gewöhnliche Frauen. Die ausgezeichnetste unter ihnen raubte der heftig Entbrannte mit Hilfe seines Knappen (ipsam ra^ pity a qua rapitur) im Kampfe mit den sie tapfer vertheidigenden Ge- spielen. Sie ergab sich ihm schweigend und erst am vierten Tage sprach sie: Er werde glücklich sein, so lang er nicht ihr die Schwestern vor- werfe, denen sie weggeraubt worden (donec improperaveris mihi eatt 8orore8f a qvxbus rapta aum), oder Haus noch Wald, von wo es ge- schehen {aut locum aut lucum unde). Edric versicherte sie seiner un- wandelbaren Treue, berief Edelleute von nah und ferne und schloß vor versammelter Menge den feierlichen Ehebund. Der neue König von England, Wilhelm, vernahm dieses Wunder und wollte dessen Wahr- heit öffentlich erproben. Er rief die beiden Eheleute nach London tmd es kamen mit ihnen viele Zeugen, auch die Zeugnisse Vieler, die nicht erscheinen konnten. Der stärkste Beweis war aber die früher nie ge- sehene und unerhörte Gestalt der Frau. Unier allgemeinem Erstaunen wurden sie nach Haus entlassen. Nach Ablauf vieler Jahre fand Edric, bei der Heimkehr von der Jagd, um die dritte Nachtstunde, seine Gattin nicht vor, rief nach ihr und ließ rufen, als sie aber langsam herbeikam, sprach er zornig blickend: 'bist du von deinen Schwestern so lange festgehalten worden?' Noch andre Zankreden that er in die Luft, denn sobald Jene von ihren Schwestern gehört, verschwand sie. Vergeblich gieng er an den Ort, wo er einst den Raub gethan (unde raptum fecerat)^ und rief nach ihr klagevoll Tag und Nacht, bis der unablässige Schmerz dort sein Leben aufzehrte. Sie hinterließen einen Sohn, den frommen und weisen Alnod, der nachmals, zum Danke für die Heilung von schwerem Kurperleiden, sein ganzes Erbgut der Kirche des heiligen Ethelbert zu Hereford schenkte. Erst in einer nachfolgenden Stelle, welche kürzer von diesen Begebnissen handelt, wird ausdrück- lich gesagt: die Mutter Alnods sei darum in die Lüfte verschwunden, weil sie unwillig den Vorwurf ihres Mannes aufgenommen, dass er sie von den Todten geraubt habe **).
a de^istendo timiditati» argvi, Rapit eam igitur, ei 'gavims est ejus per muUos cmnm conjugioy tarn jocuntUy tarn celebriter, vi pnoribus, et ex ipsa stiscipü liberos, quorum hodie progenie» magna estj et filil mortucc dicuntur, IncredUfiHs quidem et prodigialU injuria naturce, si non extarent certa vestigia veritaüs,
' ') De nug. ciir. p. 170 : mri cujus maier in auras evanuit, manifesta visione mul-
DIE TODTEN VON LU8TNAU. 71
Lai^obardiflGhe Kechtaquellen aus dem 7. und 8. Jbd*, Gresetz- stellen und Urkunden, bieten einen bieher einscblagenden bildlicben Ausdruck, der gewiss scbon viel älterer Anwenduag entnomaien ist: wenn Jemand seine Leibeigene eblichen wolle, sei ihm das gestattet, aber er soUe sie frei, das sei wiedergeboren, und echt machen, entweder durch förmliche Ertheilung der Freiheit oder durch Morgen- gabe^ dann soll sie für eine Freie und für eine echte Ehefrau angesehen und die von ihr gebomen Söhne sollen zu echten Erben werden; glei- cherweise wer eine fremde oder seine AMia (Halbfreie) zur ^he- nehmen wolle, soll auch sie zur Wiedergebor neu machen ^'). Diese Wieder- gebomen entsprechen, in frühester Bezeichnung, den bisher angezahlten Todten,. Gestorbenen (nach dem ursprünglich participialen Gebrauche des Wortes, Schmell. 1, 462 f.), und, im Gesetze selbst erklärt, geben sie den Schlüssel auch zum Verständniss des nachher üblichen Todten- namens. Es ist eine rechtliche Sinnbildsprache, welche, späterhin nicht mehr verstanden, sich in Sagen und Märchen ausgerankt hat ^').
Wiedergeburt in das irdische Dasein ist eine akerthümlicfae Form, unter der sich germanische Völker die Erneuung des menschlichen
tomm tncUgnantev hnpraperium vlri «uifeieiut, qtuxl tum a mortui« vapuituteU — Ans beiden Darstellungen mag hier noch wörtlich stehen, was sich auf die öffentlichen VerhancDungen rechtsgeschichtlicher Art bezieht, S. 80 f. : Convocat ergo (Edricus)' tncfiKM et remotos nobilea, et mulUtudine eongregata solenm eani »ibi matrhwnio junxU, Begnabat in illa tempeatate Willdmua Baatardus^ tunc iiovus Aiiglioi rex, quipartenlum hoc audÄena^ probare eupiens et 9cire palam an venwi enaety uti-unique voeavit ut aimul venirent Lon- doniaSf veneruntque muUi cum eis teatea, et multoi-um teatimonia qui adeaae non poterani, et maaMmtm erat fakUitoHa argumentum inüiaa priua et inaudita apeciea mulieris, et cum atupore onmium remiasi sunt ad propria, S. 170: Sdmua quod tempore Wüldmi Baatardi pradarfB vir indolia, cujua poaaeaaio fuxt Ledebiria borealia, de coetu noctumo faminarum choreanüum pulcJierrimam raputt, de qua contreictia aponaalibua filium auacepit, cujua tarn /ormee quam rapinas audito pi'odigio miratur rex et eam in concilio Lundonienai deduci fecU in mediunif oonfeaaamque remiait,
") Edict Botharis, 223 (Walter, Corp. jur. germ. I, 722): Si quia ancillam auam propriam matrimoHiai'^ i)oluerit aibi ad uaorem, ait ei Ucentia; tarnen debeat eam liberam thmgattef aie liberam, quod eat widerboram, et legitimam facere per garathinaß, (id eat per liberiaHä donatianem, pel per gratuitam donationem^ id eat morgengab); tunc inlel- UgattUTf eaae libera, et legitima uxor, et filii, qui ex ea nadfuerint, legitimi heredea patria effieamiur. Lintprandi leg. 106 (Walt 1 , 801) : Si quia aldiam alienam out auam ad ttaurma tollere voluerit, faeiat eam widerboram, aicut EdMium eontinet de andüa, Nam qui aine ipaa ordinatione eam quaai tixorem habuerit, filii qui ex ipaa natifuerint, non aint IsgUimij aed naturalea, (Auch die beigefügte Formel.)
'*) Übergänge in das Gebiet der Wasserfrauen und Drachen : Nug. cur. p. 77 — 79 (Wastinus); p. 168-170 (Henno). Vgl. Liebrecht, Germ. 5, 51. 60 f.
72 LUDWIG UHLAND
Lebens dachten ^*). So war es denn auch eine schone , einfach und deutlich redende Bechtssymbolik, wenn man die Unfreiheit für einen Tod ansah, die gewonnene volle Freiheit, bei den Langobarden, als eine Wiedergeburt bezeichnete. Jahrhunderte später folgen, bei Walter Map, die Beispiele aus Groß- und Kleinbritannien von Söhnen und Enkeln den Todten entrissener, wiederlebender Frauen, Gleichwohl hat das ältere derselben noch entschieden rechtsgeschichtliches Gepräge. Edric beruft nah- und femwohnenden Adel, um sich vor versammelter Menge mit der aus dem Todtenkreise geraubten Frau feierlich zu ver- ehlichen, und begibt sich dann mit ihr und zahlreichen Zeugen, auch mit den Zeugnissen Vieler, die nicht selbst anwesend sein konnten, an den Hof des Königs Wilhelm, der sie sofort der Reichsversammlung zu London vorfuhren lässt (jRam in connlio Londoiiiensi deduci fecit in medium^ ob. Anm. 11); da jedoch die Zeit dieses Königs hundert Jahre vor deijenigen des Erzählers liegt, so hat sich bei letzterem die sinn^ bildliche Zugehor schon zu reicherer Fabel ausgestaltet. In beiden Fällen, wovon Map berichtet, wird die Frau aus einem großen Reigen, den sie mit andern verstorbenen Frauen hält, nächtlich hinweggeraubt. An diesem ältesten Todtentanze betheiligen sich nur Frauen, während, bei demselben Schriftsteller, die gespenstischen Männer als vrildes Heer kriegerisch oder jagdmäßig umfahren (Nug. cur. p. 17-180. Germ. 1,6 f.). Der ans dem Kreise todter Gespielen ins Leben Geholten darf nicht jene frühere Genossenschaft vorgeworfen werden. Einen andern Überrest alten Volksglaubens hat der rechtssymbolische Zuname in die Über- lieferung aus dem Hofhalt Rudolfs von Habsburg herbeigezogen. Nach diesem in Sagen und Liedern manigfach ausgeprägten Glauben steigt die Mutter aus dem Grabe, um ihre weinenden, von der Stiefmutter verabsäumten Kinder zu pflegen , oder um den verlassenen Säugling zu stillen "); wenn daher im Albthal des obern Schwarzwalds eine
'«) Appian. Rom. bist. Lib. IV. de reb. Gall. 1 §. 3. p. 74. Schweigh. Saexn. 82'*: Helgi ok Svdva er sagt at vceri endrborin. 90*: hun (Sigrün) var Svdva endrborin. 96**: Helgi ok Sigrün er sagt at vceri endrborin etc. 121, 44: leäa madr homa (Brynh.) I langrar göngu, \ pars hon aplrborin \ aldri verdi! (Vgl. noch 129, 14.) Fornald. S. 3, 36: beraerkir köUudu kann (Starkad) endrborinn iotun. Roseng. 1971: tV (Dietr.) häni wol gesigei, s6 bin ich (Hiltebr.) wider geborn, (Vgl. Eckenlied, LaDb. 197 f. S8Bm.81ob.) Ein schwäbischer Minnesinger, Meinlo von Sevelingen (Söflingen) versichert: 'stürbe ich nftch ir minne, unt tcürde ich danne l^}ende, s6 würbe ich aber umbe dut wip (MS. 1, 220, 9).
•*) J. W. V^olf, Hess. Sag. S. 103, Nr. 153. Ebd. Niederl. Sagen, S. 273 f., Nr. 175.. 8. 403 f., Nr. 326. Br. Grimm, Kindermärch. (7. Aufl.) 1, 62 ff. 75. Die nordischen und andre hiehor einschlagende Lieder verzeichnet Grundtvig, Danmarks gamle Volkev. 2, 470 ff.
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Wöchnerin stirbt, so werden ihr gutgesohlte Schuhe angelegt, damit sie sechs Wochen lang bei nächtlicher Wiederkehr, um ihr verwaistes Kind zu säugen, sich derselben bedienen könne, ein Gebrauch, der sich auch in das Elsaß erstreckt *^). Ahnfrauen ansehnlicher Geschlechter erscheinen mit derselben Mutterpflege an der Wiege von Kindern und Enkeln *^). Wenn nun gleich mit solchen Vorstellungen von fortwäh- rendem Verkehr zwischen Hingeschiedenen und Lebendigen ein fremd- artiger Bestandtheil in die Sage vom rätischen Ritter eingetreten ist und den rechtssymbolischen Sinn derselben getrübt hat, so lässt doch dieser, mittelst der älteren Beispiele, sich noch hinreichend erkennen: der Ritter selbst wird zwar hier 'der Todte' genannt, aber nicht er, sondern die Mutter, war gestorben und begraben, so dass die frühere Bezeichnung: 'Sohn der Todten die richtige bleibt, auf die gestorbene Mutter bezüglich wiederholt sich der alte Ausdruck, dass der trauernde Gemahl sie 'geraubt' habe {eam rapuii)^ und es ist doch wohl nur durch die Vermengung von zweierlei Sagen herbeigeführt, dass die Mutter des todten Ritters an der Geburt eines Kindes stirbt und dann erst während zweijährigen Wiederlebens zwei Söhne gebiert, deren einer eben der todte Ritter heißt. Auch im Geschlechte von Lustnau, das zwar zu den pfalzgräflichen Dienstleuten, aber zugleich zum Ritterstand (Anm. I) und deshalb nicht mehr zu den gemeinen Unfreien zählte (Walter, d. Rechtsg. 1, 255), sind die Todtensöhne zu Todten geworden, obgleich es doch nach der altem Fassung, in den Tischreden, die Mutter ist, die vom Tode widerkehrt; der Fluch aber, den sie vom Manne nicht ertragen kann, vertritt hier sichtlich den verbotenen Vorwurf der Herkunft in der Sage von Edric (vgl. Rechtsalt. 643, c. Graff" 5, 88: diu. 6, 483: schalhin). Die letzte Namendeutung, bei Crusius, welche, rein verständig, den Edeln von Lustnau selbst vom Scheintod erstehen lässt, würde sich, sagenmäßiger angesehen, dem weitreichenden Kreise der Helgilieder zuneigen (Saem. 94*^— 96% vgl. Grundvig 2, 492 ff".), allein sämmtliche vorhergehende Überlieferungen, die ältere aus Lustnau mitbegriffen, wissen nur vom Wiederaufleben der Frau. Wenn es aber nicht völlig überiäinstimmt, dass diese nicht an ihr einstiges Verweilen im Todtenreiche gemahnt werden soll und doch sie oder ihre Kinder
'•) H. Schreiber, Taschenb. f. Gesch. u. Alterth. in Süddeutscbl. Freib. 1839» S. 326. A. ßtöber, Sag. d. Eis. St. GaU. 1852, S. 99 f.
") Melusine, poeme (14. siccl.) etc. publ. par Fr. Michel, Niort, 1854, p. 199-200. Melusine par Jehan d^Arras, nouv. edit., conforme k celle de 1478 etc. par M. Ch. Brunet, Par. 1854, p. .'J61. Simrock, d. Volksbuch. 6, 80. — Berchta (weiße Frau): Francisci, Schaub. 82 f. D. Sag. 1, 357 f. Myfh. 257.
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als Todtgeweseae zugenannt werden ^ so bereinigt sich auch de» in der ältesten Quelle, dem langobardischen Rechte, wo sie als Wiederge* borne begrüßt wird.
2. Nun gibt es auch Sagen , in welchen die Frau nicht von den Todten wiederkehrt, sondern aus einem tiefen, zauberhaften Schlafe geweckt wird. Am frühesten erscheint diese Fabel in den 1528 bis 1532 erstmals gedruckten französischen Ritterroman Perceforest weitschichtig verwoben, und daraus sollen hier die Züge hervorgehoben werden, welche, mitten unter fremdartigen Anschauungen und Zusätzen, nament- lich aus klassischer Mythologie, auf älteren und echteren Bestand hinweisen "):
Als die Tochter des Fürsten von Seeland ") zur Welt kam,^ hatten sich die drei Gottinnen eingefunden, welche bei Geburten gegenwärtig zu sein pflegten (Lucina, Themis und Venus). Die erste (die Geburtsgottin) verlieh dem Ankömmlinge gesunde Glieder und gedeihliches Wachsthum, die zweite (Schicksalsgottin), der man beim Mahle kein Messer aufgelegt, beschied dem Kinde, dass ihm von dem ersten Leinfaden, den es aus seinem Spinnrocken ziehe, eine Agen in den Finger gehen solle, wovon es sogleich einschlafe und nicht wieder aufwache, bis sie herausgesogen sei, was sofort die dritte (die Liebes- gottin) zn bewirken verheißt *®). Nachdem die Fürstentochter in größter Schönheit aufgeblüht, saß sie einmal mit zwei jungen Muh- men zusammen, aus den Händen der einen nahm sie einen Flachs- rocken und fieng an zu spinnen; noch hatte sie aber nicht den ersten Faden fertig gebracht, als sie in solchen Schlaf versank, dass sie nicht zu erwecken war, nicht trank noch aß, und doch nicht von Fülle
*^) Das Folgende mittelst eines Auszugs der hieher bezüglichen Cap. 46 und 55, den mir Karl Bartsch nach dem alten Drucke des Perceforest, Bd. 3., Paris 15S2, ge* tälligst zugehen ließ.
1^) Er selbst heißt, wie auch sein Sohn, Zellandin, doch gewöhnlicher Zdlandy die Tochter Zellandine,
*") Bl. 135: qtiant dies eurent mange adonc dist Lucina: Dames tunu aiuma oy hien este i'eeettea et pour ce ay le faict naistre cest en/ant a toua aea metnhrea aaina et entiera et en poinl de croiatre ail eat hien gai'de. Or tient a fx>ua dame Themia qtti eates deeaae dea deatineea, Certea danie dU Themia eeat raiaon mma comme celle qid nay poini de ooutel ie luy donne teile deatinee qiie du premier füht de lin quelle traira de aa que- naille Ü luy entrera vne areate au doy en teile maniere quelle aendarmira a coup et ne aeaueillera iuaqwea aiant quelU aera auceee kora. Quant la deeaae Veiiua ouyt ee que aa compaigne auoit deatine a aa creature eile diai: Dame voua eatea troublee ee poiae moy maia par moti art ie feray tant que lareate aera succee dehora et amenderay tont.
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Wöchnerin stirbt, so werden ihr gutgesohlte Schuhe angelegt, damit sie sechs Wochen lang bei nächtlicher Wiederkehr, um ihr verwaistes Kind zu säugen, sich derselben bedienen könne, ein Gebrauch, der sich auch in das Elsaß erstreckt *^). Ahufrauen ansehnlicher Geschlechter erscheinen mit derselben Mutterpflege an der Wiege von Kindern und Enkeln *'). Wenn nun gleich mit solchen Vorstellungen von fortwäh- rendem Verkehr zwischen Hingeschiedenen und Lebendigen ein fremd- artiger Bestandtheil in die Sage vom rätischen Ritter eingetreten ist und den rechtssymbolischen Sinn derselben getrübt hat, so lässt doch dieser, mittelst der älteren Beispiele, sich noch hinreichend erkennen: der Ritter selbst wird zwar hier 'der Todte' genannt, aber nicht er, sondern die Mutter, war gestorben und begraben, so dass die frühere Bezeichnung: 'Sohn der Todten die richtige bleibt, auf die gestorbene Mutter bezüglich wiederholt sich der alte Ausdruck, dass der trauernde Gemahl sie 'geraubt' habe {eam rajmit\ und es ist doch wohl nur durch die Vermengung von zweierlei Sagen herbeigeführt, dass die Mutter des todten Ritters an der Geburt eines Kindes stirbt und dann erst während zweijährigen Wiederlebens zwei Söhne gebiert, deren einer eben der todte Ritter heißt. Auch im Geschlechte von Lustnau, das zwar 2u den pfalzgräflichen Dienstleuten, aber zugleich zum Ritterstand (Anm. 1) und deshalb nicht mehr zu den gemeinen Unfreien zählte (Walter, d. Rechtsg. 1, 255), sind die Todtensöhne zu Todten geworden, obgleich es doch nach der altem Fassung, in den Tischreden, die Mutter ist, die vom Tode widerkehrt; der Fluch aber, den sie vom Manne nicht ertragen kann, vertritt hier sichtlich den verbotenen Vorwurf der Herkunft in der Sage von Edric (vgl. Rechtsalt. 643, c. Graff 5, 88: diu. 6, 483: schalhiii). Die letzte Namendeutung, bei Crusius, welche, rein verständig, den Edeln von Lustnau selbst vom Scheintod erstehen lässt, würde sich, sagenmäßiger angesehen, dem weitreichenden Kreise der Helgilieder zuneigen (Saem. 94^—96% vgl. Grundvig 2, 492 flf.), allein sämmtliche vorhergehende Überlieferungen, die ältere aus Lustnau mitbegriflen, wissen nur vom Wiederaufleben der Frau. Wenn es aber nicht völlig übereinstimmt, dass diese nicht an ihr einstiges Verweilen im Todtenreiche gemahnt werden soll und doch sie oder ihre Kinder
'•) H. Schreiber, Taschenb. f. Gesch. u. Alterth. in Süddeutscbl. Freib. 1839» S. 326. A. Stöber, Sag. d. Eis. St. GaU. 1852, S. 99 f.
**) Melusine, poeme (14. siicl.) etc. publ. par Fr. Michel, Niort, 1854, p. 199—200. Melusine par Jehan d'Arras, nouv. ^t., conforme & celle de 1478 etc. par M. Ch. Brunet, Par. 1854, p. 361. Simrock, d. Volksbuch. 6, 80. — Berchta (weiße Frau): Francisci, Schaub. 82 f. D. Sag. 1, 357 f. Myfh. 257.
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Dasselbe hat hier die Überschrift: 'Soune, Mond und Talia', der Inhalt
ist in der Hauptsache folgender'*):
Der Tochter eines hohen Herrn war bei der Geburt geweissagt, dass ihr durch eine Flachsfaser große Gefahr drohe, weshalb ihr Vater ein strenges Gebot erließ, dass weder Flachs noch Hanf jemals in sein Schloss gebracht werden sollte. Als jedoch Talia herange- wachsen war und eines Tags am Fenster stand, sah sie eine alte Frau vorübergehen, welche spann, ließ neugierig dieselbe herauf- kommen, nahm den Rocken in die Hand und fieng an den Faden zu drehen, stach sich aber dabei eine Hanffaser unter den Nagel eines Fingers und fiel sogleich leblos zur Erde. Der trauernde Vater ließ die todtvermeinte Tochter in dem Schlosse, wo sie auf einen kost- baren Sessel gesetzt war, schloß alle Thüren zu und verließ den Ort des Unglücks für immer. Als nun einstmals ein Konig auf die Jagd gieng und sein Falke, der ihm von der Faust entkam, in ein Fenster jenes Schlosses flog, hieß er, nach vergeblichem Klopfen am Thor, eine Winzerleiter herbeiholen, um selbst hineinzusteigen und sich umzusehen. Nachdem er das Schlbss durchwandert hatte, ohne eine lebende Seele zu finden , gelangte er endlich zu der bezauberten Jungfrau und rief sie an, indem er glaubte, daß sie schlafe; als sie nicht zu erwecken war, trug er, von ihrer Schönheit entzündet, sie in seinen Armen auf ein Lager. Hernach kehrte er in sein Königreich zurück, woselbst er lange Zeit nicht mehr an den Vorfall dachte. Talia aber gebar nach neun Monaten ein Zwillingspar, einen Knaben und ein Mädchen, die von zwei Feen an die Brust der Mutter gelegt und sonst auch sorgfaltig gepflegt wurden. Als nun einmal die Säug- linge sich verirrten und einen Finger der Mutter erfassten, sogen sie daran so lange, bis die Agen herausgezogen war, worauf Talia wie aus tiefem Schlaf erwachte. Endlich kam auch der König, sich er- innernd, wieder in das Schloss und war hocherfreut, Talia erwacht und mit zwei wunderschönen Kindern zu finden, denen er die Namen Sonne und Mond gab. Er sagte ihr, wer er sei, nahm Abschied mit dem Versprechen , sie abzuholen , und gedachte daheim allezeit nur an sie und die Kinder. Darüber fasste seine Gemahlin Verdacht, ließ das Geheimniss erspähen , sandte im Namen des Königs nach den Kindern und befahl dem Koch , sie zu schlachten und daraus Gerichte zu bereiten, die sie dem Könige vorsetzen wollte. Der Koch aber hatte Mitleid und richtete zwei Zicklein zn, die der König sehr
■') Benützt wurde hiezii die Ausgabe des Pentanierone, Napoli 1674, p. 583—590. (Liebrechts Übertr. 2, 195 ff. Br. Grimm, Hausmärch. 2. Aufl. 3, 362 ff., 3. Aufl. 3, 290.)
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wohlschmeckend fand. Dann ließ sie auch Talia herbeiholen und im Hof ein großes Feuer anzünden, in das dieselbe geworfen werden sollte. Talia bat um soviel Aufschub, bis sie ihre Kleider abgelegt hätte, und bei jedem Stücke, das sie ablegte, stieß sie einen lauten Schrei aus, beim letzten aber eilte der König herzu, erfuhr, was vor- gieng und befahl sofort, die Königin selbst in das Feuer zu werfen. Auch Sonne und Mond wurden herbeigebracht, der König heiratete Talia und diese führte nun mit ihrem Gemahl und ihren Kindern ein glückliches Leben.
Bekannt sind noch die französische Fassung des Märchens bei Perrault um 1697 {la belle au hoia domiant^ Hausm. 3. Aufl. 3, 301) und die deutsche im ^Dornröschen (Hausm. 7. Aufl. 1, 251 fi*., hiezu das Bruchstück 3. Aufl. 3, 269. D. Wb. 2, 1299).
Als mythischer Grund der märchenhaften Erzählungen wird die in altnordischen Liedern und Sagen überlieferte Kunde von dem durch Sigurd gebrochenen Zauberschlafe der Walküre Brünhild langenommen und neben der Ähnlichkeit in der Anlage wird hiebei diejenige in Ein- zelzügen geltend gemacht *•). Gleichwohl lässt sich nicht misskennen,
*«) Hausm. 3. Aufl 3, 85 (2. Aufl. 3, 87) : ' Die Jungfrau, die in dem von einem Domenwall umgebenen Schloß schläft, bis sie der rechte Königssohn erlöst, vor dem die Domen weichen, ist die schlafende Brnnhild nach der altnordischen Sage, die ein Flammenwall umgibt, den auch nur Sigurd allein durchdringen kann, der sie aufweckt. Die Spindel, woran sie sich sticht und wovon sie entschläft, ist der Schlafdora, womit Othin die Branhild sticht; vgl. Edda Sämundar 2, 186. Im Pentamerone (5, 5) ist es ein Flachsagen.' Heldens. 384. Myth. 390: 'Dornröschen stach sich den finger an der Spindel und fiel in todesschlaf, wie Brünhild vom wunschdom; die spindel ist wesent- liches kennzeichen aller weisen frauen des alterthums bei Deutschen, Gelten und Griechen.* J. Grimms Vorrede zu Liebr. Pentam. 1. XII: "Wir wollen die deutsche erzfihlnng zum grund legen, weil der name Dornrose (schlafrose, schlaf kunz) zunächst unmittelbar auf den schlafdom leitet, mit welchem Odin die valkyrie Brynhild gestochen und in tiefen schlaf versenkt hatte (vgl. deutsche myth. S. 390. 1155) ; in panzer und heim geschlossen schlaft sie auf einem flammenumgebenen unnahbaren saal des Hindar fiall (bergs der hindin, wie es noch in Westphalen eine Hinnenbnrg, Hindinburg g^ebt). Dem Sigurd war es vorbehalten, ihre bände zu sprengen, d. h. den schlafdom auszuziehen, worauf er sich mit ihr verlobt und vermählt (Saemundar edda 191. 192. 193). Wenn sie hörgefh, lini datrix heißt, so könnte das hier vielleicht für Spinnerin genommen werden, da alle Talkyrien und nomen spinnen.' XV f. : Luna und Sole stimmen deutlich zu Aurore und Jour, Talia aber ist Italia. Das merkwürdigste jedoch scheint mir der fliegende falke, weil geradeso in Völsungasaga cap. 24, als Sigurd sich Brynhilden nähert, sein habicht in ihren thurm fliegt und sich ins fenster setzt, worauf Sigurd nachfolgt und die (schla- fende) valkyrie findet; darin sind beide sagen, soviel sonst anders ist, überraschend gleich. Auch die eifersacht der ihm vermählten frau auf Talia zeigt ein Verhältnis, wie zwischen Oiidnin und Brnnhild^ und selbst das schlafen im thurm kana der im thurm hausenden
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dass, wenn die schlafende Jungfrau der Märehen . ursprünglich eins ist mit Brünhild, die alte Sage von dieser ihren Sinn völlig eingebfißt hat, da in den Märchen von dem kriegerischen Wesen der Walküre nnd von dem Heldenthum ihres Erweckers, als solchen, keine Spur übrig geblieben ist. Der bildliche Gebrauch des Schlafens, Wachens nnd Weckens war in älterer Sprache -und Dichtung ein sehr manigfacher. Himmel und Erde dusen, wenn überall Stille herrscht*'); der Wald auf dem Altkönig schläft am ersten Tage des Jahrs und ein Holzhauer, der ihn wecken wollte, fand den Tod **) ; 'wir wollen hmter die Hecken und wollen den Sommer wecken', sagt der alte Kinderreim '^); die Rosen, die am Zweig erblühen, sind geweckt 3"); Feldfrüchte weckt man durch Gebet"); Feindeswaffen, durch Beschwörung stumpf ge- macht, schlafen '*); schneidende Waffen wecken Blut *'); Kriegszeichen, brennendes Nothfeuer, wachen 3*); brandende Weilen sind zauberhaft erweckt**) und ebenso hinwider wird das weite Meer eingeschläfert ^")- Auch abgezognere Begriffe werden mittelst dieser Ausdrucksweise zu allegorischer Persönlichkeit, selbst zu mythischer Gestaltung und Hand- lung berufen: Saide, Heil, Glück, Sorge, Zorn, Milde, Ehre, Schande u. dgl. wacht, ist entschlafen, wird geweckt '^). Von hohem Alterthuni
yalkyrie eigenthümlich verglichen werden. Schön ist der zug, dass die säugenden kinder die agen aus dem finger ziehen ; die vom tag und gestimen hergenommenen namen der kinder scheinen uns göttergestalten des heidenthums zu yerrathen.' Vgl. W. Müller, Nibelungens. 81 f.
*') Seem. 142, 18 : iwd du% adick uppMmnn, Schmell. ], 401 : dtuen etc. tchlum- mem; dämmiem. — Vgl. Iwein 7388 ff.: «o der tae Hebet manheit unde wäfen, \ 96 wil diu naht »läfen,
>^) Ph. Dieffcnbach, im Arch. f. Hess. Gesch. und Alterthumsk. Bd. 4, Darmst. 1843, S. 274.
20) D. Myth. 736.
•*) Volksl. 1 16 : Wolt goU, ich soll ir wünacheti \ zwo i'osen auf einem zweig ! | ach gottj soll ich sie wecken etc. — Wecken des Zaunsteckens in einem Zaubersegen: Mone's Anzeig. 3, 278, Nr. 6. Myth. 988: vekja tröU.
31) Angels. Ackerseg.i Myth. 1186: Aveccan päa västmaa etc.
*') 8egen aus einer Hds. des 13. Jhd. in Hoffmnnns Fundgr. 1, 343 : aller mtner vSende gewüfen \ deu ligen hiui und släfen etc. (Myth. 1. Ausg. Anh. CXXXIV).
") Sflem. 184> 80 (Lex. poct 861''): bm Peir vöktu. GJsl S. Surss. c. 6: okn4 vekjA peir eh- bldd etc. (Rechtsalt. 118.) Sturl. S., Kaupm. 1818, p. 206: Parman hlod vakit etc. Sn. 1, 567: {sverda heilt) blodvaka (Lex. poet.,66'. 84«»).
3*) Ssem. 168, 18: Eid ei ek brenna etc. vtgapiöU vaka.
3*) Pornm. S. 10, 324: at siä hinn ßölkunnigi niadr vacpi upp II boda micla (tnöti hmdngi etc. (S. Ol. Tr., Christ. 1853, S.43.) Vgl. Fomald. S. 1479: egu i vindi vaka,
"•) Sfl^m. 20, 156 : vind ek kyrri \ vägi Ä | ofc or svoifik all an «p.
'•) Zahlreiche Beispiele, eines für tfiiu Sälida schon bei Otfiried, die andern aus
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ist nun allerdings in nordischer Dichtung und Sage das Wecken des Kampfes, der Schlacht '^), persönlicher der dämonischen Kriegsjnngfrau, der Hilde 9 mag dieselbe allgemeiner als Walküre in Odins Gefolg, oder als die besondre des einzelnen Helden, Brünhild Sigurds, gemeint sein ^^) Diese, nach Harnisch, Kampf und Sieg benannt (Brynhildr^ Siffrdrtfa)y ist von Odin, dem Kriegsgotte selbst, mit dem Schlafdorne gestochen; sie schläft, vollständig gerüstet, in einer von waberndem Feuer umgebenen Schildburg, auf der ein Heerzeichen weht; die Brünne, die ihr wie ans Fleisch gewachsen ist, durchschneidet Sigurd mit sei- nem Schwerte, nur er, der Held, der von keiner Furcht weiß, kann die Walküre wecken *"). Von all diesen Zügen des Kampflebens ent- halten aber, wie schon erwähnt, die Märchen nicht das Mindeste. Selbst wenn die deutsche Benennung Dornröschen auf den nordischen Scblafdom wiese (vgl. Anm. 26) , so ist gerade dieser Ausdruck , das Stechen mit dem Dorne, nicht ein solcher, der eigens mit Odin, dem Kriegs- und Siegesgotte, zusammenhängt; vielmehr findet er sich all- gemeiner für das Vei'senken in tiefen Schlaf gebraucht*'), dagegen
mh(l. Dichtern, d. Myth. 822 f. ; Einiges auch in der Zeitschr. f. d. Alt. 2, 536, Anm. u. Hieam: Heinr. v. München (Massm. Kaiserchron. 3, 961*^): DieMche* zorn begunde irache w. MS. 3, 102»» f. : o/> ich noch rehte milte möge erwekken? etc. diu nu « l cefe t -mit den argen: \ tiuvel, die wekke dort din gluendiu zange! Fomald. 1, 75: vekja nokkr i^andrcedi 3, 59: vakit hoiwrd, Fornm. S. H, 371 : vekja öfter für das Anmah- nen zur Entrichtnng des Wergeids.
^^) Sffim. 65, 34: vig ncmi at vekja, Fornald. S. 2, 276: vig vakta ek, Ssem. 157, 77: vakdir vd miklay er ]){l vätt hrmdr mtna (vgl. Fomald. 1 , 221. 2, 34 : vo vaktist par.^ Lex. poet. 757: aofa. 840: vd, 894: vo), Heimskr. cd. Schöning 6, 104, 186: vekja »tyr, Seem. 184, 76: ad vekr fidn medßrunu
^^) Ssem. 90, 6 : Hvar hefir pü, hümir ! \ Hildi vakda, | eda gögl alin | Ghmnar (Verhess. für Ounna, vgl. Ssem. 3, 24) ayatraf 146, 14: med geiri gjdUanda \ at vekja gram Hildi. Kräkum. 26 (Fomald. S. 1, 309): hröndum | bitnan Hildi vekja. Von Brynhild Ssem. 128, 7: Heiu mik allir \ etc. Hildi undir hialmi, 129, 9: altta\ avefni nünvm, 112,44: SigrdHfar \ avefni bregda; besonders aber 99, 15: Sefr 4 fialli \fylkia dotHr \ biÖrt t brynju \ etc. pü munt hÖggva | Jivöaau averdi^ | brynju riata | ined bana Fafnia (vgl. ob. Krftknm. 26 (6 ronduni bitrum), 16 : B'Min er brynja | hrudr mosla tekr, \ er vakna di | vtf or avefni. Vgl. Sn. 1, 360 : par avaf inni em hona ok Jiafdi aü hialm ok brynju ; hann brd averdinu ok reiat bynjuna af Jienni , pd vaknaiii hon, ok nefndUi H i Idr; Iwn er kollut Brynhildr, ok var Valkyrja.
•') Zu den Stellen in voriger Anm. Saem. 1 13, 129 , 9 f. Fomald. 8. 1, 165 ff. (Völs. S. K. 20. 21.)
*') Auf Odin und die Walküre bezüglich Ssem. 112, 43: Yggr atakk porni
I ädr & feldi \ hörgefn^ hali \ er hafa vildi. 113*»: Odinn atakk hana avefn porni etc.
Fomald. S. 1, 166 ; Odinn atakk mik avefnporni etc. Anderwärta (vgl. Myth. 1 157)
Siem. 176, 13. Fomald. S. 1, 18: stivgr honvm avefn porn. 1, 19: hr^lr pd £
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bedienen sich die Märchen eines andern eigenthümlichen Sinnbilds, das in den zwei älteren Aufzeichnungen, in Perceforest und bei Basile, noch als Flachsfaser erhalten, in den späteren, bei Perrault und im deutschen Dornröschen selbst zur Spindel geworden ist. Davon muß hier eingehender die Rede sein.
Kunkel und Spindel sind in der Sprache des deutschen Rechts Wahrzeichen des weiblichen Geschlechts und Stammes, insbesondere der Hausfrau, während durch Speer und Schwert Mann und Manns- stamm dargestellt ist **). Den Spinnrocken der Göttermutter Frigg hatte der Norden unter die Sterne versetzt *•). Spindel oder Spinnstuhl hoher und frommer Frauen des Mittelalters bewahrte man als verehrtes An- denken ♦♦), aber doch wohl so gemeint, dass diese Geräthe von einem auch in erhabener Stellung einfach und demiithig verbliebenen Sinne zeugen sollten. Schon im Rigsmal ist nur noch die Stammmutter der Karle , der Gemeinfreien , nicht mehr die der Jarle , der Edeln , am Rocken beschäftigt **) und von den Heldenliedern der Edda an erscheint das Wirken und Nähen in kostbaren Stoffen als Auszeichnung vor- nehmer Frauen *") , während die kunstlose Bereitung des Flachses, selbst das Spinnen, immer mehr den Armen und Dienenden verblieb und, als gezwungene Arbeit, den Stand der Unfreiheit anzeigte. So lässt Wernhers Mariengedicht die jungen Mädchen im Tempel loosen, welche den Purpur und die Seide zu kunstreichem Bildwerk erhalten oder welche den Flachs spinnen sollten; sie fürchten den rauhen Flachs und als die bunte Seide Marien zufällt, heißen die andern sie spottweise
burtu svefnporninn, 3, 303: Vilhialmr stakk Hrolfi svefnporn um noUina etc. 306: kann lä til kvelds sem daudr, pvi sv efnporJiinn Id i hofäi lionunty hnfdi Vilhialmr Jiann ekki buritekit etc. til pess er kann gekk at Hrolfi ok velti honum med höfdinu um vÖllin, fhll p& burtu av efnporninn, K. Maurer, Island. Volkssagen der Gegenwart S. 28ß:pä8tingr hiln avefnporn kow&ngaayni.
**) Rechtsalt. 163. 171. W. Wackernagel in der Zeitschr. f. d. AlL 9, 533 f.
«) Lex. myth. 104% vgl. 89*. Myth. 248. 279. 689.
♦*) Rechtsalt. 171. v. d. Hagen, Briefe in die Heim. 1, 210. Weinhold, Die deutseh. Frauen 114. Simrock, Bertha die Spinnerin 128 f. (Ebd. die gcschichtl. d. Sag. 129 f. 522, 42: St. Lufthildis.)
*») Söem. 63, 16 vgl. mit 64, 25 f. 28.
«) S«m. 135, 13-16 (Gudrun), Fomald. S. 1, 175 (Brynhildr), 205. 3, 741 f. (unter bordi). Weinhold, d. Fr. 116 f. — Dichterische Benennung für Frauen blieb gleichwohl hÖrgefn (mag gefn nur wieder als kvenna \ heitiy Lex. poet. 227** 380", ge- meint sein, oder bestimmter als Geberin, Vertheilerin des Flachses zur Arbeit, vgl. Sn, 1, 334: konu akal kenna etc. til allra peirra luta er henm samir at vinna eda veita) ; filr Sigrdrifa, doch ohne mythischen Bezug, Sffim. 112, 43, für die Isländerin Steingerd in Kormakft Saga 218.
DIE TODTEN VON LUSTNAU. 81
ihre Königin ^^). Im Gudrnnliede müßen die geraubten Fürstentöchter, die gewohnt waren, Gold und Edelgestein in die Seide zu legen, nun- mehr Garn winden, spinnen und den Flachs bürsten, edle Geburt und Verwandtschaft. schützt sie davor nicht *^). Auch im Iwein unterscheidet die Beschreibung des Werkgadens, worin ein gewaltiger Riese gefangene Jungfrauen zur Handarbeit anhält, zwischen solchen, deren Geschäft kein beschämendes ist, die nemlich in Seide und Gold, oder am Rah- men arbeiten, und den andern, welche, dessen nicht kundig, mit Ge- ringerem, namentlich dem Dechsen (Brechen) und Hecheln des Flachses und dem Spinnen zu schaffen haben *^). Endlich Gottfried von Neifen,
4^ Wernh. Maria, in Hoffmanns Fondgr. 2, 176 :
do wart ein strü vil groz : die froren wrfen ir loz, wa der purper vnt die siden tion rehte schölten beliben^ weihe under in gezceme daz sie daz beste nchne. den ruhen hare sie vorhten: dax sie daran iht voorhteny des woU ieglich magedin vü gerne vberk worden sin/ Do geviel daz loz an daz kint, damnen div guten wip sint gesceliget vnt gesegenot^ daz die siden grüne vnt rot in ir handen beliben. also woUe sie gesigen. daz die andern ncemen den hdre: div vil wenigiv schare div enlie dax niht ane nÜ. daz toart iih in venoizzen sit, daz sie durh unminne hiezzen sie ir kuniginne etc. 177: die ehleinen siden sie span die sie anme lozze gewan, do die anderen den häre musen spinnen furwäre,
«) Gndr. (Vollmer) 1005, 3 f.:
die mU grSzen Sren herzoginne wceren,
die nwosten garn winden, st säzen s(t in ungevüegen swcercn, 1006: Sumliche muosten spinnen und bürsten ir den har,
die von hShen dingen wären kamen dar
und die wol legen künden golt in die siden,
mit edelem gesteine, die muosten arbeite Itden. 1007, 4: —' jd mohte si ir ade l es niht geniezen 1010, 4: st mohte ir edelen mdge da ze Ormante niht geniezen» 1011: Were diu vil «meeAen etc. 1011,4: — dannoch dienten da die armen weisen, 1021, 3: siben jdr bevollen leit si in vremedem riche
die grdzen arbeite, man hetes und küneges kint niht geltche.
*^) Iwein 6186 ff.: Nu saher inrehalp dem tor
Ein witez weregadem stdn: \ Daz was gestalt unt getan Als armer Hute gemach; \ Dar in er durch ein venster such Würken wol driu hundert w(p. \ Den wären deider unt ter lip Vil armeeUehe gestalt: \ Im uxu iedoeh delieiniu alt. Die armen heten oueh den sin, | Daz gnuoge worhten under in Swaz iemen würken solde \ Von siden unt von golde. Qnuoge worhten an der rame: \ Der werc was aber äne schäme, GRRMANIA VIII. 6
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der 80 nnermüdlich vom rothen Munde seiner Geliebten singt, kenn- zeichnet diese mehrfach als eine Dienende und zwar besonders damit, dass sie das Dechsen und Schwingen verstehe, ohne doch ihren rothen Mund bestaubt werden zu lassen *"). War nun der rauhe, gefurchtete Flachs Merkmal der Dienstbarkeit oder sonst der niedrigem Stellung, so erscheint es nur als ausgefuhrtere Bildersprache, dass die an Recht und Standesehre schlafend gedachte Frau von der Ägen gestochen ist. Die Spindel hat denselben Sinn, doch bezeichnet die Agen deutlicher und gewährt allein die volle Beziehung zu den Kindern. Durch diese wird die Mutter aus dem tiefen Schlafe geweckt, um ihretwillen sie selbst zu Freiheit und Recht erhoben. Zwar gilt die Echtwerdung der Kinder durch spätere rechtmäßige Ehe der Eltern fi'ir eine, unter dem Einfluss der Kirche , in germanische Gesetzgebungen eingedrungene Wirkung des romischen Rechts ; aber die langobardischen Gesetze und Formeln über die Wiedergeburt, (ob. Anm. 12) unterscheiden wenigstens nicht ausdrücklich zwischen Kindern, welche vor oder nach Freigebung der Mutter geboren sind, und für die ersteren zeugt eben der Gebrauch, den die Sinnbildsprache des Märchens als gangbar voraussetzt. Zu dieser gehört es noch, dass, wie im Perceforest über der schlafenden Mutter ein nach Osten gerichtetes Fenster offen bleibt (Anm. 22), so in andern Fassungen die Namen der Kinder das aufgehende Licht verkünden, bei Basile: Sonne und Mond, bei Perrault noch treffender Morgenrothe und Tag; selbst das mag zu bemerken sein, dass einige Handschriften des Gesetzes von König Rotharis Freilassung und Mor- gen gäbe zusammenstellen (Anm. 12).
Die verschiedenen Aufzeichnungen des Märchens ergänzen und berichtigen sich wechselseitig in einzelnen Zügen, am weitesten jedoch
ütU die de* niene kundeit^ { Die Idsen^ dise icundeny Diaiu bloUy disiu daha, \ Diaiu kachelte vlaha,
Diae apunneuy dite ndien etc. — Vgl. Helmbrecht (Zeitscbr. f. d. Alt. 4, 366) 1356 ff.: 96 dick nü ein gehüwer
mnU ze stner reJUen iy | aö ffeaekaek nie wibe ala voi,
hi dem mttoat du niuwen \ dekaen awing en b Hu wen
und dar zuo die ruoben graben,
»") Die Lied. Gottfr. v. Neifen, hei-ausg. v. M. Haapt (Leipz. 1851) 45, 24 ff.: dd k6rte ick eine' aw in gen : \ wan si daks^ \ wan ai daha,\ai da ka, ai daha (Refr.) 4, 13 f ; ai kan deha en awing en in der mdze \ unde wil behüetendaz ai niht beatieben Idze I tV r6ten munt etc. 5, 11 ff. : Diaiu litt wil ich der lieben aingen \ der ich lange her geaungen hdn, \ ai kan beidiu de?iaen unde awing en 32, 12: aikan dekaen awingen beide ala aie aoL Vgl. 37, 13 f. : diu daz wazzer in kruegen \ von dem brunnen treit nAch der atit aller min geJanc. MS. 2, 147** : der Nif er lobt diev^rouwen ain \ und ir rcMel-eJitezmündeUn,
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greift die Ungleichheit, dass im Perceforest, also der ältesten Quelle, wie solche hier zugänglich war, das in der nächstalten, dem Pentame- rone, abschließende Stück mangelt: wie nemlich die vom Schlaf er- standene Mutter mit ihren Kindern den Verfolgungen der bisherigen Königin entgebt und an deren Stelle tritt. Mag dieser Abschluss ur- sprünglich zum Ganzen gebort haben oder nicht, jedenfalls bestätigt der ausdrückliche Gegensatz der echten und der erst echtwerdenden Frau den angegebenen Sinn des märchenhaften Schlafens und Erwa- chens. Für dieselbe Auffassung spricht endlich noch ein Umstand, der, wie der Franenzwist, den Bezug auf Brünhild stützen sollte (Anm. 26); der Jäger mit dem Falken. Im Pentameron ist dem jungen König auf der Jagd sein Falke davongeflogen und hat ihn zu der Schlafenden geführt, bei Perrault heißt sie die Schone, 'die im Walde schläft' ila belle au hole dorrnant)^ und der jagende Konigssohn kommt zu ihr in das Schloss, das von Bäumen und Gesträuche dicht überwachsen ist, im deutschen Dornröschen ist es eine hohe Domenhecke , selbst im Perceforest , zwar der frühesten Niederschrift , in der aber gelehrte Mythologie den Wald am meisten verdrängt hat, flattert doch der Falke noch als Zephyr, geflügelter Bote der Venus. Auch der Raub der todteu Frau, bei Walter Map, erfolgt durch Edric Wilde {quod est 9ilve8tris)j auf mittemächtiger Rückkehr von der Jagd, aus einem großen Haus am Rande des Waldes (venatu sero rediena — mediam wque noetem viarum duhius erravitj — ad domum in ora nemoria mapnam delatua eaU Nug. cur. 79), sodann durch den Ritter aus Klein- britannien, zwar ohne dass der Jagd besonders erwähnt ist, doch gleich- falls zur Nachtzeit in einem weithin einsamen Thale (de nocte — in eonvtdle eolitudinis amplisaimcBj ebd. 168). Solch wiederkehrender Bezug auf Jagd und Wildniss ergibt abermals einen Gegensatz zwischen echter und wilder Ehe, jener im Hause, dieser im Walde ; altn. hrUungr^ schwed. riehofde (vgl. Rechtsalt. 734, ags. vearges hedfod)^ Waldsohn Wald- haupt, hießen Kindei* der Waldehe verschiedener Art (Rechtsalt. 462, die bedeutsame Anm. **), während die gesetzlichen dem Hausherrn und der Hausfrau (Saem. 64, 25: hüsgumi, hüskona. 131, 10: hüsguma, hüafreyju Fomald. S. 1, 243) angeboren. Der Wald ist die Zufluchtsstätte Aller, die außerhalb der Rechtsgemeinschaft leben ; derVerwiesene hieß Waldmann, iLgB, vealdgenffa, altn. skogarmadr (Rechtsalt. 733, vgl. Myth. 1014). Auch Edric Wilde hatte wohl ebendaher den Beinamen, weil er zu denjenigen Angelsachsen zählte, welche am längsten wider Wilhelm den Eroberer ausgehalten hatten*'). Freilich stimmt das Waldabenteuer des Märchens
*') Im Domesday Book: Edric safva^e, in Jahrbüchern: Edrictu cognomenfo
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auffallend mit der Erzählung in Völsungasaga, wie Sigurd, als er einen Falken verfolgt, der ihm bei der Heimkunft von der Jagd auf einen hohen Thurm entflogen und sich an ein Fenster gesetzt, die bei ihrem Pfleg- vater Heimir weilende Walküre Brunhild am Rahmen sitzen sieht, sie begrüßt, ihr einen Goldring gibt und sich eidlich nochmals mit ihr ver- lobt (Fomald. S. 1, 175 ff.). Allein es ist das unbestritten eine spatere Einschiebung; die Saga selbst bemerkt, dass hier ein wiederholtes Ver- lobniss beschworen werde (Fornald. S. 1, 178: ok svardu nü eida af m^u^ vgl. 172: petta bundu pau eidum med sir^ und zum drittenmal nach der- selben Saga in Gunnars Gestalt vgl. Sn. 1, 187, .362). Überall sonst wird die Begegnung und Verlobung Sigurds mit Brunhild auf das Gebirg verlegt und einmal ist ausdrücklich gesagt, dass Aslaug auf dem Gebirg erzeugt sei *') , die Trauung auf dem Thurm aber geschieht an des Pflegvaters Heimir großem Wohnorte (Fomald. S. 1, 174: at einum miklum bcB, vgl. 184 u.). Sichtlich diente dieses Beiwerk dem Zwecke, die Sage von den Weisungen in diejenige von Ragnar Lodbrok und seinen Söhnen überzuleiten. Mehrfach sind die Anknüpfungen zwischen beiderlei Sagenwerken. Ragnar ist der Sohn eines gefeierten Sigurds, mit dem Zunamen Hring, des Dänenkönigs, der in der berühmtesten Schlacht des Nordens den Sieg davontrug *') ; die erste That des ju- gendlichen Helden aber ist, ähnlich derjenigen des Wölsungs Sigurd, die Todtung eines Lindwurms, wodurch Ragnar sich die Jarlstochter Thora sammt dem vom Wurme gehegten Gold erwirbt **). Nach dem Hingang dieser ersten Gemahlin trifit Ragnar, bei einer Anfahrt an die norwegische Küste, die vermeintliche Tochter armer Bauersleute, Kraka (Krähe) genannt, deren Schönheit, Verständigkeit und Sitte ihn be-
Silvaticua (EUis, Introd. to Domesd. B. 2, 87 f. Wright, zu Nug. cur. p. 79). Die Er- klfimng dieses Beinamens bei Giialt. Mapes : sie dlctus a corporis ctgilücUe et joconäUate verhorumj ist nicht genau zu nehmen ; derselbe bezeichnet eher, was bezüglich auf einen andern Edric gemeldet wird : Poatea udlagavit Edrictu (Ellis p. 88). Von Edric Wilde bedingt sich die Heimgeführte, dass er ihr die Herkunft aus dem Walde nicht vorwerfe (ob. S. 70 : Incum unde).
'*) Ssem. 113: Sigrdtuir reid upp ä IlindarficUl etc. « fiallinu aä hann lioa müciL Sn. 1, 360. Fornald. S 1, 165. 187: er cÄ: (Brj'nh.) vann eida a fiallinu. 257: ok hefr (AsL) ;>ar upp aögu, sem Jtau hiümt ä fiallinu Sigurdr ok Brynhildr , ok hiln var hyriud.
") Fomald. S. 1, 238: S pann Uma rhd fyrir Danmörku Sigurdr hHngr; hann var rikr konungr, ok er fragr oidinn af peirri orroslu, n- hann hardisl vid Harald hildUönn ä Brdvelli, ok fyrir 1unium,ßll Ilaraldry sm kvnnigt er ordit of alla KordraJfu heimains. Sigurdr älti einn aon, er Bagnar hH etc.
M) Ebd. 242 : vk verdr hann af pessn vnki hardla miök frwgr of öU Nordrlönd, ok '«'*»" '»"»«« Titf pani. dottur jarh.
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stimmt, sie gleichwohl sich anzutrauen, und aus dieser Verbindung erwachsen, wie aus der vorigen, kriegerische Söhne. Als er aber nach- mals bei dem gewaltigen König Eystein in Upsala sich zu Gaste be- findet, dringt seine Gefolgschaft in ihn, die Tochter 4i6ses Königs zu freien und nicht länger eine Bauerntochter (JcarUdditur) zu behalten, und es wird sogleich die spätere Einholung der neuen Braut verabredet. Ejraka sagt jedoch dem heimgekommenen Gemahl, dass ihr drei Vögel sein Vorhaben verkündet haben und dass auch sie eines Königs, nicht eines Bauern Tochter sei {at ek em konungs döttir, en eigi karli)^ ihr Name sei Aslaug, ihr Vater Sigurd der Fafnistödter, ihre Mutter Brün- hild, Budlis Tochter. Diese Aussage bewährt sich dadurch, dass dem Knaben, dessen sie bald darauf genest, eine Schlange um den Augapfel zu liegen scheint (sem ormr liggi um auga sveininum) , wonach er auch Sigurd Schlangimauge {ormr i auga) geheißen wird. Die Heimfuhrung der schwedischen Königstochter unterbleibt nun, worüber blutiger Streit ausbricht **).
Seine Laufbahn schließt Kagnar bei einem Einfall auf die englische Küste; dort hat er zum Kampfe den Speer in der Hand, mit dem er einst den Wurm erlegt (Fornald. S. 1, 281: pat spiot i hendi, er kann v€mn at orminum^ er lä um sal poru). Nach dem Falle seiner ganzen Mannschaft wird er, mit Schilden zugedeckt, ergriffen und in einen Schlangenhof (ormgard) geworfen, wo er mit dem bekannten Todes- sange (Krakumdl) lachend verscheidet (ebd. 280 ff. 300 ff.), wieder einem Nachklange der Eddalieder von Gunnars Harfenschlag und Tod im VJTurmgarten (Saem. 133\ 143 f. 28-32. 148, 31. 155, 55. 156, 62. 162, 17. Sn. 1 , 364. Fornald. S. 1, 219 f.). Sigurd Schlangenauge bat durch seine Tochter, die wieder Aslaug heißt, einen Enkel Sigurd Hirsch {hiörtr)^ angeblich den Vater von Ragnhild, der Mutter Haralds, des ersten £inherrschers über ganz Norwegen (Fornald. S. 1 , 293 ; anders Heimskr. 1, 67; vgl. Munch 2, 174), Die norwegische Königs- reihe sollte durch die Herkunft von Ragnar Lodbrok, dieser selbst und sein Haus durch die Verwandtschaft mit den Wölsungen erhoben werden (Sn. 2, 210: er Bragi lofadi frcendr Aslaugar i Ragnars-dräpu, at kons [Ragnars] virdvig syndist meiri en dar var hott). Zu diesem Zweck
**) Fornald. S. 1, 243. Außer obigen der Prosa entnommenen Stellen solche ans den eingestreuten Versen, ebd. 258: peim er ormr i auga fvgl. die zwei ff. Str.) 268 (Biöm, auch ein Sohn von Aslaug, spricht): eigi er ose i augum \ ormr, ni frdmr nutkar. In andern Prosastücken, Fornald. 1, 346: pä Sigurdr; pat var mark S auga honum, at svd var aem ormr Icegi um sidhhit Icegi, ok pvt var kann kalla^ir Sigurdr ormr i auga. 349: Sigurdr ormr f auga. 355. 357. 3, 10 f. 14.
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arbeitet sich Kagnars Saga in jene der Wölsunge hinauf und wird Aslaug, seine ;sweite Gemahlin, als eine Tochter Sigurds von Brunhild, in der Harfe bis nach den Nordlanden hinübergetragen, wo von ihr große Geschlechter ausgehen (Fornald. S. 1, 187. 229 ff.: hingai d Nordrlönd, Sn. 1, 370: ok eru padan cettir komnar sidrar. Fornald. S. 1, 259: Ok nd kemr upp cett Aslaufjar^ svä at pat veit hoerr madr, at hün er döttir Sigurdar Fdfniabana ok Brynhildar BudladOttur), Freilich aber ist, wie die Begegnung auf dem Thurme, so überhaupt auch jene Elternschaft Sigurds und der Walküre anerkannt eine Zudichtung zur Wölsungensage (Sagabibl. 2 , 94 - 97. 476—78. Heldens. 346. 350). Dagegen hat das aniängliche Niederhalten der schönen Aslaug in Tracht und Aufzug, als ob sie, zwar nicht unfreien Leuten, aber doch armen bäurischen Eltern [karl und kelling ^ Fornald. S. 1, 233 f. fätaeka karh^ t HÜku faioiki^ ebd. 257) angehörte, den gleichartigen Sinn, wie anderwärts die Geburt von einer schlafenden Mutter, die nachmals geweckt wird, was eben die nur in diesem vielfältigen Sinnbild ver- wandte Brünhildensage heranzog; in der Sage von Aslaug konnte das- selbe nun nicht auch wiederholt werden.
Es ist aber auch ein Umstand auszuheben, der die Rugnarssaga, nach ihrem ältesten Bestände, von den Wölsungen wieder abzulösen sich eignet.